68 Gรคnse gegen den bayerischen Wellness-Frieden
Am Tegernsee herrscht Aufruhr: Graugรคnse hinterlassen Hรคufchen auf akribisch gepflegten Liegewiesen โ und schon wird รผber Vertreibung, Gelege-Manipulation und Schieรeisen diskutiert. Ganze 68 Tiere reichen, um die Idylle ins Wanken zu bringen. Warum die Empรถrung mehr รผber uns verrรคt als รผber die Gรคnse, was Konrad Lorenz dazu sagen wรผrde und warum eine Gans namens Pรผnktchen aus Trauer starb.
Von: Yvonne Aschoff | Kommentar| Verรถffentlicht am 20. August 2026 |

Herr Lorenz hรคtte Fragen
Am idyllischen Tegernsee bricht heillose Empรถrung aus: Weil Graugรคnse die Liegewiesen und Badestrรคnde mit ihren Hinterlassenschaften zieren, klagen empfindliche Gemรผter รผber verdreckte Rasenflรคchen und fordern lautstark behรถrdliche Abhilfe. Ein Stimmungsbild zwischen Erholungswahn und vollkommener Entfremdung von der Natur.
Don’t kill my Chill
Man reist an den Tegernsee, um die Seele baumeln zu lassen, und stรถรt โ o Graus! โ auf weitere vorรผbergehende Bewohner des Biotops. Berichte im Mรผnchner Merkur dokumentieren den tiefen Frust von Kur- und Badegรคsten รผber die profanen Kotspuren der Graugรคnse auf akribisch gepflegten Liegewiesen. Ein Quadratmeter Natur ohne weitere Natur scheint das Ideal. Man mรถge doch bitte die Natur entfernen und die roten Teppiche ausrollen fรผr die Krรถnung der Schรถpfung, damit sie klinisch rein chillen kann!
Die Vรถgel stรถren das idyllische Postkartenidyll, sie wagen es, da zu sein, zu schwimmen, zu schnattern. In ihrem natรผrlichen Lebensraum. Menschen dรผrfen das natรผrlich schon alles. Sie hinterlassen halt Plastik- und Glasmรผll, Pipi und Kacka im Wasser und beschallen die Umgebung mit Geschrei, Gelรคrme, Handyvideogeplรคrre oder Musik, die keiner hรถren will! Merkste was?
Scheiร-egal?
Wenn wir uns so รผber Gรคnse aufregen, kann uns die Natur langsam wirklich scheiร-egal sein.
Sofort kreisen die Aufreger-Gedanken um Vertreibung, Gelege-Manipulation oder das scharfe Schieรeisen. Der Mensch als Chefkontrolleur der Erde vertrรคgt einfach kaum noch die natรผrlichen Seinszustรคnde anderer Lebewesen und fรผhlt sich komischerweise irgendwie immer gleich persรถnlich angegriffen โ und sei es durch die Hรคufchen aus verdautem Gras (!).
Der stinkende Haufen, den ihr vierbeiniges Zamperl in einer Futterwiese absetzt, wird entweder einfach geflissentlich nicht gesehen, oder zwar noch in einen Kotbeutel eingetรผtet, dann aber samt Plastik in die Wiese geworfen. Da รคrgert sich aber nur ein Bauer und nicht hunderte Badespaรler.
Wo bleibt hier die Empรถrung? Und sehen wir wirklich nicht, dass unsere Straรenrรคnder, Bรคche und Wรคlder inzwischen wieder mehr und mehr zu Mรผllplรคtzen werden? ‚Haltet eure Umwelt sauber‘ โ diese Schilder sind komischerweise alle verschwunden, wรคhrend der Ruf nach Entfernung ’stรถrender‘ Natur immer lauter krakeelt: ABLENKUNG! von unseren eigenen blinden Flecken.
Es ist nie schรถn, in Scheiรe zu treten, ist schon klar. Aber stinken tut hier was anderes!
Konrad Lorenz wird gebeten, Konrad Lorenz bitte!
Der groรe Verhaltensforscher ist untrennbar mit der Graugans verbunden. Er wurde quasi zufรคllig zum Gรคnsepapa und dadurch mit diesen zauberhaften Tieren sehr vertraut. Graugans-Versteher, also wahrscheinlich jetzt noch posthum ganz pรถรถhse! Ihn brรคuchten wir aber dringend, um wieder zu erkennen, dass die Graugans ein hochsoziales Wesen von bezwingender emotionaler und intellektueller Tiefe ist.
Ja, eines, von dem wir Menschen uns vollumfรคnglich etwas abschauen dรผrften… Lorenz zeigte uns, dass Gรคnse in lebenslanger, treuer Ehe leben, komplexe Freundschaften pflegen, Trauer empfinden und รผber ein feinstes Geflecht sozialer Kommunikation verfรผgen. Ihre treibende Kraft ist die Gemeinschaft, das Einstehen fรผreinander. Wer je die feine, nuancierte Stimmfรผhlung einer Gรคnsefamilie beobachtet hat, erkennt darin eine Kultur des Respekts und der Bindung, die dem modernen, isoliert-egoistischen Individualmenschen fremd geworden ist.
Ich selbst hatte mal ein Graugans-Pรคrchen, Pรผnktchen & Anton. Anton wurde eines Nachts im Stall von einem Marder der Hals abgebissen. Ihr wollt nicht wissen, in welchem Zustand ich Pรผnktchen vorfand: tief traumatisiert an ihren toten, kopflosen Partner geschmiegt. Sie ist in der Nacht mit ihm gestorben, fraร nicht mehr, putzte sich nicht mehr, war halt- und fassungslos und ging jeden Tag mit hรคngendem Kopf ein bisschen mehr ein. Bis ich sie zum Tierarzt brachte, der sie von ihrem tiefen Kummer erlรถste.
Scheuklappen des Egoismus
Die Aufregung am Ufer wirft eine fundamentale Frage auf: Sind wir รผberhaupt noch fรคhig, den Blick auf das Andere zu รถffnen? Der รrger รผber die Hinterlassenschaften der Gรคnse offenbart eine tiefe, anthropozentrische Arroganz. Der Rasen gehรถrt dem Menschen, das Wasser auch, die Luft gefรคlligst ebenfalls. Jede Regung von wildem Leben, das sich nicht in die Idylle-รsthetik fรผgt, wird zum „Problem“ erklรคrt. Wir begrรผnden unsere Bequemlichkeit mit dem Diktat der Sauberkeit und verschlieรen die Augen vor der Wรผrde des Mitgeschรถpfs.
Die Erregung am Tegernsee verlangt nach einer schรคrferen biologischen Erdung, denn nichts entlarvt die Hysterie des Zivilisationsmenschen geschmeidiger als ein nรผchterner Blick auf die Fakten. Was der Mรผnchner Merkur als gรคnsegewordene Plage beschreibt, ist bei Licht betrachtet eine รผberschaubare, faszinierende Wohngemeinschaft: Ende Juni 2026 wurden vom Landratsamt gerade einmal 68 Graugรคnse in neun Familienverbรคnden am gesamten See gezรคhlt. 68 Individuen reichen aus, um den bayerischen Luxus-Wellness-Frieden ins Wanken zu bringen. Das stinkt viel mehr als sรคmtliche Gรคnsehรคufchen auf einem Haufen.
Ja, die Gรคnse werden mehr: Aus rund 40 Tieren im Vorjahr sind im Bereich Bad Wiessee und Rottach-Egern knapp 70 geworden. Nur โ wir auch. Allein das Tegernseer Tal zรคhlte 2025 384.577 Gรคste mit 1.519.923 รbernachtungen, Rekord; auf jede einzelne Graugans kommen damit etwa 22.000 People. รbrigens: In Westdeutschland war die Graugans bis ins 19. Jahrhundert so gut wie ausgerottet โ es waren Jรคger, die sie ab den 1960er-Jahren gezielt wieder ansiedelten. Jetzt, da sie wieder da ist, berรคt man รผber ihre โEntnahme". Und: Ein groรes Problem sind Badegรคste, die das Federvieh fรผttern und damit nicht nur fรผr Bauchweh, sondern auch fรผr ihre Vermehrung sorgen.