Keinmal Pommes Schranke?
Der Kiosk an der Point steht auf Stelzen — und soll abgerissen werden. In Bad Wiessee bringt ein Münchner günstige Pommes ans Ufer, weil die Einheimischen das scheinbar nicht hinkriegen. Und das Strandbad Kaltenbrunn? Wird doch nicht gebaut.
Von: Von Julia Jäckel| Veröffentlicht am 11 Juni 2026 zuerst im Newsletter | Aktualisiert am 18. Juni 2026

Aktualisierung: Kurz nach Veröffentlichung dieses Artikels wurde bekannt, dass die Blue Lion GmbH den geplanten Neubau des Strandbades Kaltenbrunn verschiebt. Die entsprechenden Informationen lagen zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung nicht vor. Wir haben den Abschnitt zu Gmund ergänzt.
An der Point in Tegernsee steht ein Kiosk auf Stelzen. Noch.
„Marode“, tippt Rathauschef Johannes Hagn in eine E-Mail an Tegernsee Weekly. Der Unterbau sei hinüber, sanieren zwecklos: „Es muss abgerissen und neu gebaut werden.“
Seit dem Frühjahr 2024 führen Sylvia Breu und ihre Tochter Muriel den Kiosk an der Point. Es ist ihr dritter Sommer dort.
Geplant sei der Neubau „nach Ende der jetzigen Pachtzeit“, schreibt Hagn, die „endgültige Entscheidung ist noch offen“.
Bayern-Bali und Capri-Sonne
Stirbt der klassische Strandkiosk am Tegernsee? Zumindest gewinnt man den Eindruck, wenn man den See umrundet.
In Rottach-Egern steht jüngst ein frisch bezogener Neubau, der sich mehr als „Versorgungsstation“ denn als Kiosk versteht.
In Bad Wiessee – die Mutter der Pop-Up-Kultur (zumindest am Tegernsee) – versuchen die Düwel-Brüder ihr Bayern-Bali an den See zu bringen. Unterstützt werden die beiden dabei von ihrer Mum. Auch weil einer der Brüder pünktlich zum Start eine Australienreise einlegte.
Nur ein paar Radlminuten weiter in Abwinkl bringt der Münchner Gastronom Marc Uebelherr die 80er zurück.

Bad Wiessee: Zurück in die Zukunft
In Bad Wiessee haben sie die marode Bude mit den Markenfarben der Kneipe 80 angepinselt: Orange und Weiß. Macht gleich Lust auf Streifenbadeanzug.
Uebelherr hat den leerstehenden Kiosk übernommen und in eine Art Zeitmaschine verwandelt: „Kiosk.80″, eine Art Beiboot seiner beiden „Kneipe(n) 80″, die in München das junge Volk in der Maxvorstadt und im Glockenbachviertel erfreuen.
Das Rezept: Musik der Achtziger und ein bewusst schmales und erschwingliches Sortiment. Eine überraschend simple Idee, mit der sich der Tegernseer Unternehmer und auch die Unternehmerin scheinbar schwertun, weil das „teurer, höher, mehr“ ein local Mindset ist. Da muss also ein Münchner kommen, um günstige Pommes anzubieten.
Doch der bunte Kiosk, den ein ehemaliger Mitarbeiter aus dem Aran mit viel Schwung und punktuell zu viel Lässigkeit betreibt, bleibt ein Provisorium mit Verfallsdatum: 2027 soll in Abwinkl ebenfalls ein Neubau stehen. Bis dahin feiert die Pop-up-Kultur ihre Renaissance.
Gmund: Vier Baukörper und eine fromme Hoffnung
An der Nordseite des Sees, unterhalb von Gut Kaltenbrunn, bewegt sich ebenfalls einiges – nur größer. Das Strandbad Kaltenbrunn sollte komplett neu gebaut werden: Der alte Bestand abgerissen, vier neue „Baukörper“ errichtet, rund 2,5 Millionen Euro sollte das kosten.
Weil das Strandbad nicht der Gemeinde gehört, sondern der Blue Lion GmbH – die zentrale Holding der Familie Schörghuber, der auch Gut Kaltenbrunn gehört, dazu die Bayerische Hausbau, Anteile an der Paulaner-Brauereigruppe und die Arabella-Hotels – hängt die Zukunft des Areals vom blauen Löwen ab.
Und der hat vergangene Woche die Bautätigkeiten gestoppt. Als Grund nennt Nik Gumberger, der bei Blue Lion den Bereich Bauen und Immobilien verantwortet, gestiegene Bau- und Materialkosten infolge weltweiter Lieferkettenprobleme und die anziehende Kapitalmarktkosten, verspricht aber auch: Am Wunsch, das Projekt irgendwann umzusetzen, halte man fest — einen Zeitplan gibt es jedoch nicht.
Für Badegäste ändert sich vorerst nichts: Der Zugang zum See bleibe wie bisher erhalten, teilt Gumberger mit. Die Entscheidung wurde Bürgermeister Alfons Besel und den Fraktionsvorsitzenden bereits am Freitag mitgeteilt.
Ob man hier künftig einfach so, ohne Eintritt, ans Wasser kommt? „Es wäre aber natürlich wünschenswert“, hatte die Gemeinde noch vor der Verschiebung geschrieben. An dieser Ausgangslage hat sich strukturell nichts geändert — das Strandbad gehört ihr nicht.
Die Blütezeit des Strandbads verbinden viele Eingeborene übrigens mit den Kochkünsten von Vipa Stickl, die bis 2010 hier thailändisch kochte. Menschen sprechen mit verdrehten Augen darüber, wie schön man hier plaudern, baden und speisen konnte.
Rottach-Egern: Fine-Dining und goldene Pommes
Womit wir bei den Pommes wären. Als im Netz die Preise des neuen Kiosks an der Popperwiese am Ringsee die Runde machten, bekamen einige Herzrhythmusstörungen: „Pommes für 6,50 Euro – sind die aus Gold?“, schrieb jemand in die Facebook-Gruppe „Tegernsee hält zusammen“.
Sind sie nicht. Aber sie sind auch nicht von einem Kiosk im klassischen Sinn. „Manuseelis“ heißt der Neue an der Popperwiese – zusammengesetzt aus Manuel, Eli und See.
Dahinter stehen Manuel und Eli Greindl, die in Miesbach das Restaurant Manuelis hatten. 2024 zeichnete der Schlemmer Atlas ihr Restaurant als „Nachhaltigkeitskonzept des Jahres“ aus. Zudem gehört ihnen die Catering-Firma „Manuelis 360 Grad“.
Man versteht sich, schreibt Greindl auf TW-Anfrage, „nicht als klassischen Kiosk, sondern vielmehr als moderne Versorgungsstation und Treffpunkt“.
Ein Vergleich mit einem klassischen Kiosk greife bei den Preisen „nur bedingt“, findet Greindl: hochwertige Zutaten, eigene Herstellung, qualifiziertes Personal, regionale Lieferanten. „Diese Faktoren spiegeln sich selbstverständlich in der Kalkulation wider.“ Immerhin: Für die Kleinen gibt es eine eigene Kinderkarte. Hier kosten die Pommes 4,50. Greindl findet, das sind fair kalkulierte Preise.
Und während der klassische Strandkiosk im Oktober den Rollladen herunterlässt, planen die Greindls durchzumachen – mit beheizten Außenplätzen, Gulaschsuppe und Glühwein.
Wer Catering im Rücken hat, kann sich den Winter am See leisten. Das Mutter-Tochter-Duo an der Point hat dieses Backup nicht.
Was ist ein Kiosk eigentlich?
Streng genommen ist der Kiosk ein Import aus der Großstadt. Im 19. Jahrhundert versorgte er Arbeiter mit Mineralwasser, erst später kamen Zeitungen, Zigaretten und Alkohol dazu. Er bekam viele Namen: Büdchen im Ruhrgebiet, Späti in Berlin, Wasserhäuschen in Frankfurt. An die bayerischen Seen kam er mit dem Wirtschaftswunder, als die Münchner samt Auto und Freizeit das Ufer entdeckten. Seine goldene Ära ab den Fünfzigern verdankt er einem einfachen Versprechen: Der Kiosk ist ein Treffpunkt. Man kann konsumieren – man muss aber nicht.
Und am Tegernsee? Gibt es diese Orte noch, an denen Seppis, Lisls und Michis abhängen?
Schon. Aber rar: Etwa vorm Kramerladen in Rottach-Egern. Wie die Hühnchen auf der Stange sitzen da im Sommer die sonnen- und aperolspritzseligen Gruppen. Oder die Marina in Tegernsee, wo Handwerker neben Bürgermeistern sitzen und mancher mit dem Tretboot noch eine flotte Wade beweist. Mal mit Schampus im Handgepäck, mal mit ein paar Flaschen Bier.
Die Rechnung
Dass die alten Buden trotzdem verschwinden, hat weniger mit fehlender Liebe zu tun als mit einer einfachen Rechnung: Der klassische Strandkiosk läuft drei, vier Monate – Pacht, Versicherung und Instandhaltung laufen zwölf.
Wer im Juli zwei Regenwochen erwischt, dem fehlt das Geld im Dezember. Mindestlohn, Hygieneauflagen und Personalsuche in einer Region, in der die Seehotels besser zahlen, erledigen den Rest.
Aber auch, wenn jetzt aus den alten Bretterbuden fancy Mini-Biergärten werden, gibt das den Druck an die Betreiber weiter.
Currywurst oder Pulled-Pork-Brioche
Vielleicht erklärt das, warum über eine Portion Pommes so erbittert diskutiert wird. Denn die Frage dahinter ist größer: Was darf ein Kiosk sein – schnelle Verpflegung, kleiner Biergarten, „Versorgungsstation“? Und für wen ist das Seeufer da, wenn die Currywurst zum Pulled-Pork-Brioche wird?
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