Staub, Stau, Landschaftsschutz: Worüber im Tal gestritten wird
Staub, Baustellen, gesperrte Straßen – und das Gefühl, dass Entscheidungen „von oben“ kommen: Die Podiumsdiskussion im Pfarrsaal in Rottach-Egern zur Bürgermeisterwahl zeigt, wie viel sich im Tegernseer Tal aufstaut.
Von: Julia Jäckel | Veröffentlicht am 19. Januar 2026

An die 100 Leute versammelten sich am Montagabend im Pfarrsaal in Rottach-Egern. Sie wollten hören, was die drei Bürgermeisterkandidaten, Sebastian Kölbl (CSU), Michael Mayr (Bündnis 90 / die Grünen) und Stefan Niedermaier (BLITZ) zu ihren Herzensthemen zu sagen haben.
Es geht um Luxushotels, Baustellen, Sanierungsmaßnahmen für den katholisches Kindergarten, das Zusammenleben von Jungen und Alten im Tal und einen Ort für die Jugend. Emotional wird es bei der Landschaftsschutzverordnung. Die steht seit geraumer Zeit im Tegernseer Tal für alles, was „von oben“ kommt.
Damit ist nicht der liebe Gott gemeint, wie der Veranstaltungsort suggerieren könnte, sondern vor allem die Angst einiger, dass zu viel in die eigene Heimat hineingesteuert wird: von der Bundesregierung, dem Bayerischen Landtag, dem Landratsamt Miesbach oder eben vom Gemeinderat.
Organisiert hat den Abend die Kolping-Familie. Franz J. Späth übernimmt die Moderation. Das macht er herzlich und sehr genau. Damit es auch gerecht zugeht, hat er eine Kuh zur Seite gestellt bekommen. Eine sehr kleine. Es ist eine Eierkuh, die die Zeit stoppt. Drei Minuten darf jeder reden.
Erst kommen drei Fragen von Kolping, etwa nach der Bedeutung des Ehrenamts und der Kirche für die Kandidaten und wie sie die Senioren einbinden wollen.
Dann sind die Publikumsfragen dran.
Kandidaten-Battle
Der Überraschungskandidat der Grünen, Michael Mayr versucht mit sehr viel Echtheit und Bauchgefühl zu überzeugen. Neben seinen beiden Gemeinderatskollegen, Kölbl und Niedermaier, wirkt er unsicher. Er wedelt sich vor Aufregung auch mal das Mikrofon aus dem Gesicht. Er will Energie aus dem See ziehen, wie es die Schweizer vormachen, und Dinge schneller voranbringen, am liebsten „gleich richtig anpacken“. Die Seestraße darf ruhig verkehrsberuhigter werden, findet er.
Fast zu gut vorbereitet, ist sein 33-jähriger CSU-Kollege Sebastian Kölbl. Der Jüngste unter den Kandidaten. Ein ehrgeiziger Unternehmer, in vielen Sport- und Brauchtumsvereinen aktiv, der mit Gwand und Haltung für das ursprüngliche Rottach-Egern steht. Einer, der den verkaufsoffenen Sonntag als Lösung für die Seestraße ansieht. Und Kölbl ist von da, positioniert sich sehr klar als Rottacher, als die Frage nach einer Zusammenlegung aller Tal-Gemeinden auftaucht.
Stefan Niedermaier von BLITZ ist seit vierzig Jahren bei der Feuerwehr und ein Vereinsmensch durch und durch. Hier Trachtenverein, da Rodelclub. Vor 20 Jahren hat er das Mountainbike-Festival vorangetrieben. Die Fahrradliebe drückt sich auch in seinen Zielen für die Gemeinde durch. Wenn er etwa davon spricht, dass man „Fahrräder und Rodel“ mit in die Wallbergbahn nehmen kann. Oder dass es einen „Flow-Trail vom Wallberg“ gibt, mit Verbindungen ins Suttengebiet. „Oils, ganz entspannt. Keine Down-Hiller mit Rüstung, sondern für einfache Radfahrer“.
Als Bürgermeister will er sich für „Wohnraum für die Einheimischen“ und „Beschäftigung“ stark machen. Viel Applaus gibt es für den Satz, „keiner soll sein geerbtes Eigenheim im Tegernseer Tal verkaufen müssen, weil er zu viel Erbschaftssteuer zahlen muss“.
Was brennt
Später kann weder Moderator noch Kuh an der hitziger werdenden Diskussion etwa ändern. Dabei geht es nicht mal um die Erbschaftsteuer, sondern um den Landschaftsschutz. Anlass ist die Nachfrage eines Landwirts, der sich benachteiligt fühlt. Statt jetzt mit Historie und Gelassenheit zu kommen, wärmen die drei Halbwahrheiten auf.
Etwa, dass man im Garten nicht mehr zelten oder biwakieren dürfe (Niedermaier) oder dass „die Landwirte einen Zaun ohne Genehmigung verstellen dürfen müssen“ oder „Drohnen für die Kitzrettung“ (Kölbl).
Dabei darf man das durchaus: Zelten im eigenen Garten – nur eben nicht mitten in der Pampa. Auch darf die Landwirtschaft Drohnenflüge für ihre Zwecke einsetzen. Sie muss sich dafür einmalig registrieren.
Als ein Zuhörer nach der Geschichte der Landschaftsschutzverordnung fragt, sind alle drei blank.
Dadurch bleibt am Ende weniger hängen, was die drei Kandidaten voneinander unterscheidet, als das, was sie eint: Beim zentralen Konfliktthema Landschaftsschutz fehlt allen die historische Einordnung.
Dabei geht es am Tegernsee nicht um ein abstraktes Regelwerk „von oben“, sondern um eine Verordnung, die seit den 1950er-Jahren genau das schützen soll, was das Tal bis heute prägt: Kulturlandschaft, Almweiden, Uferzonen – und damit auch die Grundlage für Landwirtschaft und Tourismus.
Wer Bürgermeister werden will, wird sich an dieser Debatte messen lassen müssen.