Der Tegernsee und sein Karibik-Komplex

Von: Julia Jäckel | Erstveröffentlicht am 3. Juli 2025 | Aktualisierung 15. Juni 2026

Schön, Schöner, Tegernschön. Foto: Julia Jäckel

Heute, am 15. Juni 2026, schimmert der Tegernsee wieder in sattem Türkis – Postkartenmotiv inklusive.

Letztes Jahr hatten wir an dieser Stelle erklärt, warum das so ist: Algen, Sonne, Kalk. Eine Erklärung, die in der Limnologie durchaus bekannt ist. Vereinfacht gesagt: Durch Photosynthese kann sich die Wasserchemie so verändern, dass feinste Kalkpartikel entstehen. Diese Partikel streuen das Sonnenlicht und lassen das Wasser türkis erscheinen.

Die Wassertemperatur heute: 16,6 Grad. Zur Erinnerung: Letztes Jahr hatten wir den Höchstwert von 25,7 Grad am 2. Juli notiert – fast zehn Grad mehr, und das fast drei Wochen später im Jahr. Trotzdem zeigt sich der See bereits jetzt in kräftigem Türkis.

Und genau hier wird es interessant: Die Erklärung über Algen und Kalk ist zwar plausibel, aber sie ist nicht die einzige mögliche Ursache für die Farbe des Sees.

Zuflüsse und Kalkpartikel

Eine weitere bekannte Erklärung für türkis schimmerndes Bergwasser hat mit den Zuflüssen zu tun. Nach Regenfällen oder während der Schneeschmelze können feinste Kalk- und Dolomitpartikel in den See gelangen. Bleiben diese Partikel eine Zeit lang im Wasser in Schwebe, streuen sie das Sonnenlicht ebenfalls so, dass der typische türkise Eindruck entsteht.

Das Spannende dabei: Das optische Ergebnis ist nahezu identisch. In beiden Fällen sorgen winzige Partikel im Wasser dafür, dass bestimmte Lichtanteile stärker gestreut werden als andere. Für das Auge wirkt der See dann besonders blau oder türkis.

Was davon im konkreten Fall gerade überwiegt, lässt sich ohne entsprechende Messdaten nicht eindeutig sagen. Die Farbe des Tegernsees entsteht wahrscheinlich durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren – darunter Wasserchemie, biologische Prozesse, Wetter, Zuflüsse und Lichtverhältnisse.

Kleiner Realitätscheck auch in eigener Sache

Die Versuchung ist groß, für solche Naturphänomene eine einzige, einfache Erklärung zu suchen. Tatsächlich sind die Zusammenhänge meist komplexer. Die Algen-Kalk-Erklärung ist nicht falsch – sie ist nur nicht zwangsläufig die ganze Geschichte.

Fazit: Türkis ist türkis. Aber hinter derselben Farbe können unterschiedliche Prozesse stehen. Wer den Tegernsee verstehen will, muss manchmal etwas genauer hinschauen. Und genau das macht die Sache eigentlich noch spannender als jede Postkarte.

Und jetzt die Frage an die Community

Auf unseren Aufruf hin haben sich Leserinnen und Leser mit fachlichem Hintergrund gemeldet. Zwei Antworten stechen heraus:

„Die türkise Färbung entsteht, weil das sehr klare, kalkhaltige Wasser im Zusammenspiel mit feinsten, im Sommer ausgefällten Kalkkristallen (Seekreide) und dem hellen Seeboden das Sonnenlicht intensiv im blau-grünen Spektrum reflektiert.“

— Oliver aus Bad Wiessee

Florian hat den Mechanismus dahinter noch einmal Schritt für Schritt aufgeschlüsselt:

„Im Frühling und Sommer vermehren sich Algen (Phytoplankton) rasant. Für die Fotosynthese entziehen sie dem Wasser große Mengen Kohlendioxid. Dadurch steigt der pH-Wert – das Wasser wird alkalischer. Der gelöste Kalk kann nun nicht mehr im Wasser bleiben und fällt als winzige, mikroskopische Kalkkristalle aus. Diese Milliarden schwebender Kalkkristalle reflektieren das Licht extrem stark – und genau das erzeugt die milchig-türkise oder smaragdgrüne Farbe des Sees.“

Das ist die sogenannte bioinduzierten Kalkfällung – ein gut dokumentierter Prozess, der auch in anderen klaren Alpenseen wie dem Walchensee auftritt. Die Beschreibung ist wissenschaftlich korrekt.

Fazit: Der Tegernsee ist türkis, weil mehrere Faktoren zusammenspielen – Algenwachstum, Kalkchemie, Seeboden, Zuflüsse und Lichtverhältnisse. Wer eine davon als alleinige Ursache benennt, hat recht – aber nur zum Teil.