Ausweitung der Glücksspielzone
Wie ein 2,7-Millionen-Euro-Haus in Fischbachau zum Marketing-Glücksversprechen wird – und warum diese „Wohltätigkeits-Verlosung“ perfekt ins Internetzeitalter passt.
Von: Julia Jäckel | Erstveröffentlichung 21. November 2025 | Aktualisiert 24. November 2025 | Aktualisiert 30. November 2025

Mitten im idyllischen Leitzachtal, liegt die kleine Gemeinde Fischbachau: Am Fuß ein kleines Schwimmbad, oberhalb – gleich neben der um 1100 geweihten Martinskirche – das Klosterstüberl. Dazu eine Molkerei, eine Bank, Hofi’s Pub. Und jetzt eben ein 2,7 Millionen Euro schweres Haus, das samt Möbiliar und Weihnachtsdeko verlost wird.
340 Quadratmeter Glück
2,7 Millionen Euro ist das Haus wert. Drei Bade- und drei Schlafzimmer, komplette Einrichtung inklusive Weihnachtsschmuck. 100.000 Euro in bar gibt es obendrauf – und das Versprechen, dass der Gewinn „stressfrei“ ist: keine Grunderwerbsteuer, keine Hypothek, keine Notarkosten.
Hilf mit, guten Journalismus im Tal möglich zu machenUnd das Beste? Es ist für den guten Zweck verspricht das britische Unternehmen Omaze. Mindestens 500.000 Euro gehen an den Tierschutzbund – abhängig vom tatsächlichen Umsatz.
Das bestätigt auch der Deutsche Tierschutzbund. Eine Sprecherin schreibt „Vertraglich garantiert sind 21 Prozent des Gesamtumsatzes aus dem Losverkauf.“
Hintergrund
Vor fünf Jahren haben sie mit dem Haus-Glücksspiel in Großbritannien angefangen. In Großbritannien hat Omaze – nach eigenen Angaben – inzwischen 43 Immobilien verlost (Korrektur 24.11.2025). In Deutschland ist das Phänomen noch neu, aber der Markt wächst.
Doch an dem Unternehmen gibt es deutlich Kritik. Britische Medien berichten über Fälle, in denen Gewinner ihre Häuser später weiterverkauft haben – teils unter dem geschätzten Marktwert. Omaze widerspricht und betont, dass alle Gewinner frei entscheiden und in Großbritannien zusätzliche 250.000 £ erhalten (Korrektur 24.11.2025).
Auch gab es in der Vergangenheit Diskussionen über tatsächliche Immobilienwerte. Omaze betont, dass es keine gerichtlichen Verfahren zu ihren Hausverlosungen gegeben hat (Korrektur 24.11.2025).
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Intransparenz der Mittelverwendung: Nach Abzug von Werbekosten, Produktion, Unternehmensmarge und Hauskauf bleiben deutlich weniger Mittel für die Wohltätigkeitsorganisationen übrig, als viele Käufer glauben.
Laut Berichten britischer Medien (z.B. The Telegraph) fließen 15–20 Prozent der Einnahmen an Omaze. Das Unternehmen widerspricht und verweist auf sein reguliertes Modell und garantierte Mindestbeträge.
Auf unsere Frage nach realistischen Gewinnchancen antwortete das Unternehmen: „Wir geben keine genauen Gewinnchancen an, da diese vollständig von der Anzahl der Teilnahmen pro Verlosung abhängen und stark variieren können. Dies wird allen Teilnehmern klar kommuniziert.“
Klar ist, dass „für jedes Haus (…) ein Gewinner garantiert“ wird.
Tatort Internet
Damit sich die Lose verkaufen, müssen die Clips sitzen – denn das Geschäftsmodell funktioniert nur über Reichweite. Verkauft wird hier nicht in Fischbachau, sondern auf Instagram.

Aktuell wirbt Omaze auf seiner Seite mit folgenden Preisen: Für sieben Euro bekommt man 20 Lose, für 22 Euro schon 50 Lose. Damit der Tierschutzbund auf 500.000 € kommt, müssen fünf bis sieben Millionen Lose verkauft werden – nur 21 Prozent des Gesamtumsatzes gehen an die Charity, der Rest deckt Hauskauf, Marketing und Gewinnmarge.“
Gleichzeitig sinkt die Gewinnchance rapide, je mehr Lose in den Topf gehen: Sie entspricht immer 1 zu allen teilnehmenden Losen – werden also eine Million Lose verkauft, liegt die Wahrscheinlichkeit, mit 20 Losen zu gewinnen, bei gerade mal 0,002 Prozent.
Auch wenn das Unternehmen überzeugend formuliert, dass es hier um eine „sozial verantwortliche“ Lotterie“ geht, bleibt es im Kern ein Glücksspiel. Es ist also kein Charity, auch wenn das Omaze in seinen Statements behauptet: „Unsere übergeordnete Vision in Deutschland ist es, mit eine neue Kultur des Gebens zu etablieren – indem wir lebensverändernde Hauptgewinne mit messbarem gesellschaftlichem Impact verbinden.“
Sehnsucht Einfamilienhaus
Vielleicht ist die Hausverlosung am Ende weniger ein Glücksspiel und mehr ein Spiegel: für die Sehnsüchte, die wir mit uns herumtragen – nach Heimat, nach Sicherheit, nach einem Ort, der zu uns passt.
Die Fischbachauer nehmen es gelassen. Ein Pärchen in gleichfarbigen Fahrradtrikots zuckt mit den Schulter auf die Frage, wie sie das finden, dass mitten im Ort ein Haus verlost wird. „Zuzug san mia gewohnt“, sagen sie.
Der Herr vom Bauamt wirkt angefasst. Dass man keine Handhabe habe, wenn jemand sein Haus an ein Unternehmen verkauft und dass es vorher einem Düsseldorfer gehört haben soll und dass man es halt schon problematisch findet.
Ausweitung der Glücksspielzone
Übrigens: „Omaze plant, über die nächsten Jahre 100 Millionen Euro in den deutschen Markt zu investieren und regelmäßig hochwertige Immobilien zu verlosen, um kontinuierlich Spenden für wohltätige Organisationen zu generieren. Gemeinsam mit Partnern wie den SOS-Kinderdörfern, Plan International oder dem Tierschutzbund wollen wir so verlässlich Aufmerksamkeit, Mittel und langfristige Perspektiven für Menschen und Lebewesen in Not schaffen.“
Eine Putzkraft ist übrigens im Preis nicht enthalten. So soll ein Gewinner, laut Bericht im Fokus, nach der Übernahme seines 2,8-Mio-Hauses wegen des hohen Reinigungs- und Instandhaltungsaufwands das Haus weiterverkauft haben. Omaze schreibt dazu in einer weiteren E-Mail, die uns erreicht hat, dass es sich dabei um einen „humorvollen Social-Media-Kommentar“ gehandelt habe und der „betroffene Gewinner Chris Milnes hat inzwischen klargestellt hat, dass sein Social-Media-Post offensichtlich ironisch gemeint war und es für ihn „nie einen Nachteil“ am Besitz der Immobilie gab.“ (Ergänzung 30.11.2025).