Conference Week – Unfolded Reloaded

Was wie ein Widerspruch wirkt, ist das Prinzip von Gmund Papier: maximaler Anspruch, gepaart mit einer fast kindlichen Begeisterung fürs Material. Beim Festival UNFOLDED zeigt sich, wie viel Experiment, Haltung und Emotion in einem Werkstoff stecken, den viele längst abgeschrieben hatten – und warum ausgerechnet am Tegernsee über die Zukunft des Analogen verhandelt wird und warum sie dennoch auch digital ganz vorne mit dabei sind.

Von: Julia Jäckel| Veröffentlicht am 01. Mai


Es ist halb zehn, der Hausherr kniet am Boden in der Papierfabrik. In der Hand ein Tuch, vor ihm ein oranges Quadrat, das aussieht wie Linoleum, sich auch so anfühlt — und das man sich, ginge es nach den Erfindern, demnächst auf Messeböden wünscht: Gmund PaperClick. Es ist ein neues Produkt, das zeigt, wie experimentierfreudig und progressiv Gmund Papier ist. Ein Papierboden zum Klicken.

Aber der Boden will nicht. Er funktioniert, lässt sich klicken und ansehen, kann aber nicht verbergen, dass der Staub der Fabrik beharrlich an ihm hängen bleibt. Florian Kohler, Inhaber von Gmund Papier, versucht einen Fußabdruck wegzuwischen, bevor die Gruppe der Journalistinnen darauf aufmerksam wird. Vergeblich, denn der nächste Schritt zeichnet sich schon ab. Dann ist Florian Kohler schon wieder weg. Gestresst sieht er nicht aus. Auch nicht zwei Stunden später.

Da steht derselbe Mann im orangenen T-Shirt auf der Bühne und stellt die neuen Hausfarben vor — „New will move“ — in einer Mischung aus Deutsch, Englisch und Denglisch. Er spricht so liebevoll über sein Papier wie andere über den jüngsten Familiennachwuchs. Lang ersehnt. Sorgsam erzogen. Jedes Papier eine Liebeserklärung an das Papiermachen: Sie heißen love, dive in, play, share etc. Farben als Statement für Marken und Kreative, so heißt es in der Pressemeldung. Anders gesagt: Sie knallen und machen große Freude.

Vorgestellt werden die neuen Gmund Colors in einem Denglisch, das nur Florian Kohler kann und freudig ausarbeitet. Von seinen Fans wird er dafür innig geliebt.

Nach seinem Input hat er nicht nur ein neues lila T-Shirt mit den neuen Markenfarben an, nein, auch die Webseite hat einen Relaunch hinter sich und glänzt mit den neuen Farben.

Festival

Das ist UNFOLDED. Keine strenge Konferenz. Eher ein Festival in Gmund am Tegernsee. Hier kommen Designer, Drucker, Markenmacher und Papermakers aus aller Welt zusammen. Um einen Tag zu zelebrieren, was die Digitalisierung längst überrollt zu haben schien: das Analoge, das Haptische, das Material, das man anfassen kann.

Die Gäste sind so bunt wie das Papier, das im Experience-Raum ausgestellt wird. Hier trägt man pinke Kostüme, Turnschuhe oder einfach stylishe T-Shirts.

Den Auftakt macht Raphael Gielgen, Trendscout Future of Work — lebendig, nahbar, ohne Folien-Pomp. Am Schluss, etwas euphorisiert, bringt er den eigenen Beruf durcheinander: „Ich bin ja Architekt, ich meine, ich wäre gerne Architekt, ich bin ja Schreiner — und Astronaut wäre ich auch gern.“ Der Saal dankt es ihm und lacht mit ihm.

Dass Design und Papier viel mehr ist als nur Verpackung, zeigt der Talk „Soul of Materiality“. Kristina Steinhauf und Katharina Scheidig haben Urnen zu ihrem Geschäftsmodell gemacht — handgefertigt, individuell, weit weg vom standardisierten Stahlbecher der Bestattungsbranche. Moderator Florian Zibert haut ganz offen raus, was ihm durch den Kopf geht: „Warum gibt es am Ende des Lebens keinen Style? Habt ihr darauf eine Antwort?“ „Wir neigen dazu, unsere Sterblichkeit zu verdrängen.“ Kein Applaus zwischendurch, keine Pointe-Suche. Ein Satz, der bleibt.

Auch das Tal kam zu Wort. Im BMW-Slot spricht die Leiterin von Gut Schwärzenbach: Zrinka Barbic. Hier schickt BMW seine Führungskräfte zu Retreats — sie erzählt, was Marken nicht durch Schrift, sondern durch Beziehung und Beteiligung vermitteln.

Größenordnung im Tal

Welche Größenordnung das Festival hat, lässt sich am besten an drei Namen ablesen: Vitra – eine der bekanntesten Designmarken der Welt, Leica mit ihrer Kameratradition aus Wetzlar und die Imprimerie du Marais aus Paris, ein Druckhaus, das für die internationale Luxusbranche arbeitet. Dazu kamen Unternehmen wie BMW, Konica Minolta, die bayerische Porzellanmanufaktur Nymphenburg (gegründet 1747) und Iris von Arnim. Eine Konferenz dieser Liga gibt es im Tegernseer Tal kein zweites Mal.

Fazit

Nicht alles lief reibungslos. Die Kaffeeschlange zum Mangfallblau-Fabrikrestaurant zog sich, ein paar Slides ruckelten, ein Video wollte partout keinen Ton von sich geben. Auch der klickbare Papier-Teppich, technisch eine Premiere, sah am Ende des Tages aus wie ein vielbegangener Schulflur.

Aber genau das ist der Charme dieser Konferenz: keine Hochglanz-Choreografie, sondern Kreativität, Authentizität, ein bewusster und nachhaltiger Umgang mit der Ressource Papier — und ein offenes Ohr für alle Fragen.