Drei Fragen an die Bergwacht Rottach-Egern

Hausberg, Seilbahn, Instagram-Motiv: Der Wallberg wirkt vertraut – und wird genau deshalb gefährlich. Bergwacht-Sprecherin Nina Koch erklärt, warum Social Media und Touren-Apps den Jagersteig zum Risikofaktor machen.

Hat Spaß beim Ehrenamt, zumindest meistens. Nina Koch in ihrem Element. Foto: Bergwacht Rottach-Egern

Der Wallberg gilt als Hausberg – trotzdem kommt es dort immer wieder zu Einsätzen. Wird er unterschätzt?

Nina: Ich glaube gar nicht, dass der Wallberg grundsätzlich unterschätzt wird. Das ist einfach ein Hotspot. Da kommt wahnsinnig viel zusammen: Wanderer, Paragleiter, Mountainbiker, Rodler – und dann fährt da noch eine Bahn hoch. Das heißt, es sind einfach extrem viele Menschen gleichzeitig unterwegs.

Im Winter ist die Rodelbahn ein großes Thema. Wenn die läuft, ist die unfassbar lang und hat gleich am Anfang ein paar richtige Steilstücke. Das ist keine klassische Familienrodelbahn und nicht ohne.

Ansonsten haben wir am Wallberg alles: vom verschnackelten Sprunggelenk über Paragleiter, die wir aus Bäumen holen, bis zu Rodelunfällen. Wirklich schwere alpine Unfälle sind dort eher selten – mit einer Ausnahme: dem Jagersteig.

Der Jagersteig war zuletzt gleich mehrfach Einsatzort. Was ist dort das Problem?

Nina: Der Jagersteig war früher eigentlich ein Geheimtipp. Ich gehe den schon sehr lange, der war teilweise nicht mal in Karten eingezeichnet. Das ist kein Weg, das ist ein Steig: schmal, wurzelig, rutschig. Bei Schnee ist das einfach kein Gelände, in das man reingeht.

Das große Problem ist aktuell ehrlich gesagt Social Media. Diese Touren-Apps sind giftig. Der Jagersteig ist in Komoot als „Super-Tour am Tegernsee“ angeteasert. Und das war teilweise die erste Tour, die einem vorgeschlagen wurde.

Ich verstehe die Leute schon: Wenn das in so einer App steht, denkt man sich ja, das kann jetzt keine große alpine Unternehmung sein. Und fairerweise muss man sagen: In Komoot steht sogar dabei „alpine Erfahrung nötig“, „gescheites Schuhwerk“. Das wird aber einfach überlesen.

Wir hatten dort mehrere Einsätze, bei denen Leute mit Turnschuhen unterwegs waren. Und das Einzige, was ich da wirklich sagen kann – und das ist kein Vorwurf – ist: umdrehen.

Was würdest du Menschen mitgeben, die hier unterwegs sind – gerade auch Gästen, die die Gegend nicht kennen?

Nina: Umdrehen. Wirklich. Das ist für mich das zentrale Thema. Es ist kein großer Gipfelerfolg, wenn man am Wallberg oben war. Wenn es sich an dem Tag nicht ausgeht, weil die Bedingungen nicht passen, dann drehe ich um. Das macht jeder, der viel am Berg unterwegs ist.

Social Media suggeriert halt: Das kann jeder. Man sieht die schönen Bilder, alle sind oben. Was man nicht sieht, ist die Erfahrung dahinter, die Ausbildung, die Jahre, die viele dafür brauchen. Die schlechten Tage sieht niemand.

Und ganz wichtig: Die Bergwacht ist nicht dafür da, Menschen zu verurteilen. Niemand ruft uns, weil er das will.

Wenn man merkt, dass man nicht weiterkommt oder sich nicht mehr sicher fühlt, dann lieber früher als später anrufen. Ein nächtlicher Einsatz, wenn jemand völlig erschöpft und ausgekühlt ist, ist für niemanden schön. Dafür sind wir da – und wir freuen uns, wenn am Ende alle wieder unten sind.


Nina Koch ist Pressesprecherin der Bergwacht Rottach-Egern.