Drei Fragen an Nais Rio
Sie kam vor zehn Jahren aus Syrien an den Tegernsee. Nais Rio hielt am Sonntag auf der Demo für Demokratie eine bewegende Rede über Angst, Zugehörigkeit und den Mut, jetzt nicht zu schweigen.
Von: Redaktion | Veröffentlicht am 10. Februar 2026

Du bist vor zehn Jahren aus Syrien an den Tegernsee gekommen. Erinnerst du dich noch an deinen ersten Eindruck vom Tal?
Ich wurde damals mit dem Auto von meiner Mama und einer Freundin von ihr abgeholt. Wir sind ins Tal reingefahren, ich habe aus dem Fenster geschaut – und eigentlich gar nichts gesagt. Mir war vieles nicht bewusst, ich habe alles einfach auf mich wirken lassen. Auch in den Tagen danach habe ich kaum gesprochen. Ich habe mehr beobachtet als eingeordnet.
Heute hast du beim Demokratiefestival eine Rede gehalten. Was war deine wichtigste Motivation?
Mich bewegt sehr, dass mir Menschen oft sagen, sie seien überrascht, dass ich aus Syrien komme. Ich möchte zeigen: Wir sind ganz normale Menschen. Man kann mit uns reden, Kaffee oder Tee trinken, über alles Mögliche sprechen. Und genau dadurch entsteht Verständnis – und weniger Hass. Gerade jetzt, wo es einen starken Rechtsruck gibt, fühlt es sich für mich wie „now or never“ an. Ich will meinen Zeitpunkt nicht verpassen, etwas zu bewegen.
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Fühlst du dich hier im Landkreis sicher?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte keine Angst. In meiner Familie sind nicht alle eingebürgert, vor allem meine Mama und mein Bruder. Ich selbst habe die deutsche Staatsbürgerschaft erst im Dezember 2025 bekommen. Früher habe ich erlebt, dass Menschen trotz Integration abgeschoben wurden oder plötzlich Probleme bekamen. Das bleibt im Hinterkopf. Es gab auch Situationen, in denen ich auf der Straße angefeindet wurde – da habe ich weinend Freunde angerufen und um Hilfe gebeten. Gleichzeitig versuche ich, mich bewusst am Guten zu orientieren. Es ist ein Wechsel: Angst, dann wieder Sicherheit. Ein ständiger Loop.
Zur Person:
Nais Rio ist 23 Jahre alt, lebt seit zehn Jahren am Tegernsee und studiert Jura an der LMU München. Ihre Mutter und ihr Bruder wohnen am Tegernsee, ihr Vater in München. Die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt sie im Dezember 2025.