Ein Haus, zwei Wahrheiten โ wie ein Sep-Ruf-Bau am Tegernsee zum Prรผfstein des Denkmalschutzes wird
Vor dreiรig Jahren sanierten die Eigentรผmer das Haus am Herzogweg 10 mit groรer Sorgfalt. Mittlerweile ist es ein smartes, รถkologisch fortschrittliches Haus. Doch seit Sommer dieses Jahres soll es plรถtzlich ein Denkmal sein โ obwohl ein frรผheres Gutachten es anders bewertet. Der Streit um den ersten Sep-Ruf-Bau am Tegernsee zeigt, wie sich das Verstรคndnis von Erhalt und Eigentum verschiebt.
Von: Julia Jรคckel | Verรถffentlicht am 7. November 2025

Am Hang oberhalb von Gmund steht ein Haus, hell verputzt, klar gegliedert, rundumlaufende Balkone im ersten Stock. Mit weiten Glasfronten, die zum See hinschauen. Es ist hier das einzige Haus am Hang, das nicht mit dem Giebel zum See blickt, sondern quer zum Hang steht.
Der Blick geht รผber den See, wie ihn sich Architekt Sep Ruf (1908โ1982) einst dachte: offen, modern, leicht. Die Natur steigt fรถrmlich ins Fenster. Nur โ was von seinem Entwurf hier noch รผbrig ist, darรผber herrscht Streit.
Fรผr das Landesamt fรผr Denkmalpflege und auch fรผr die Sep Ruf Gesellschaft ist der Fall klar. Immerhin handelt es sich bei dem Objekt um das erste Wohnhaus des unerschrockenen Architekten, der 1937 hier etwas baute, was den Heimatstil und den nationalsozialistischen Grรถรenwahn herausforderte.
Plรถtzlich ein Denkmal
โNach 30 Jahren plรถtzlich ein Denkmal โ das ist wie eine Enteignungโ, sagt Immler. Er hat mich angerufen, nachdem der erste Artikel zum Sep-Ruf-Haus auf Tegernsee Weekly erschienen ist. Auch seine Frau, Ursula Immler, ist unglรผcklich รผber die Berichterstattung.
Jetzt gehen wir durch das Haus, hinunter in den Garten. Es ist ein schรถner Tag und der Blick hinunter Richtung Tegernsee ist phรคnomenal. Das ist auch so eine Spielerei, dass man von der Straรe aus ein einstรถckiges Haus erwartet, das aber so lรคssig in den Hang hineingezimmert und -gelegt wurde, dass der zweite Stock โ also das Erdgeschoss โ sich in die schiefe Wiese hineingeschoben hat und dann einen phรคnomenalen Blick auf den Garten und den darunterliegenden See freigibt.
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โWir haben dieses Haus entkernt, Stein fรผr Stein wieder aufgebaut, alles auf eigene Kosten. Und jetzt sollen wir bestraft werden, weil es von Sep Ruf ist?โ
Aufgebracht ist Herr Immler, weil sie schon einmal ein Gutachten haben erstellen lassen und vermutlich auch, weil einer der Gutachter des Landesamt fรผr Denkmalpflege im Sommer dieses Jahres auch mal ein Bรผcherregal dem Architekten Sep-Ruf zugesprochen hat, das aber rein gar nichts mit ihm zu tun hat.
Hausbesuch vom Landesamt fรผr Denkmalpflege
Im Zuge des Bauantrags fรผr eine Aufstockung hatte die Gemeinde beim Landesamt um Stellungnahme gebeten โ erst danach rรผckte das Haus รผberhaupt in den Fokus der Denkmalpflege.โ
Das Haus sei ein โbedeutendes Beispiel der Nachkriegsmoderneโ, heiรt es anschlieรend in dem Bescheid, der Hauseigentรผmer und die Gemeinde Gmund gleichermaรen vor den Kopf stieร.
Dabei haben sie das Haus schon mal denkmalpflegerisch prรผfen lassen. Freiwillig. Das war 1999 und der damalige Denkmalschutzbeauftragte des Landkreises Miesbach war Benno Bauer. Sein Fazit?
โDas Haus Herzogweg 10 ist durch die vielen Eingriffe in die Bausubstanz so verรคndert, dass vom ursprรผnglichen Erscheinungsbild und der Gestaltung Sep Rufs nur Fragmente verblieben sind.โ
34 Verรคnderungen listet der Architekt in seinem Gutachten auf, darunter der Umbau der Einliegerwohnung, Balkonerweiterung, diverse Verรคnderungen an Fenstern, Eingangsbereichen und Deckenkonstruktionen.
Der neue Maรstab
Was also hat sich verรคndert? Die Antwort liegt weniger im Haus als im Zeitgeist. Die Nachkriegsarchitektur, lange verkannt, erlebt eine spรคte Aufwertung. Sep Ruf, der Architekt der Kanzlerbungalows in Bonn, steht heute fรผr eine lichte, demokratische Moderne โ fรผr ein Deutschland, das sich nach 1945 neu erfinden wollte.
โEs gibt im Moment einen richtigen Sep-Ruf-Hypeโ, sagt seine Frau. Tatsรคchlich hat das Landesamt in den letzten Jahren mehrere seiner Bauten neu bewertet. Museen zeigen Ausstellungen, Dokumentarfilme zeichnen Ruf als Visionรคr der Nachkriegszeit.
Doch genau das, was den Ruf heute ausmacht โ seine Klarheit, seine Leichtigkeit โ, steht im Widerspruch zu einem Denkmalschutz, der ausgerechnet jene Verรคnderungen beanstandet, die Hรคuser bewohnbar halten.
Sep Ruf selbst hat Wohnen als etwas verstanden, das sich dem Lebensstil der Menschen in seinem Haus auch anpassen darf. Er hat selbst stet Umbauten und Erweiterungen vorgenommen, etwa fรผr ein Kinderzimmer.
Umgekehrt hat er starke Vorstellungen gehabt, von denen er nicht abweichen wollte. Etwa Balkone rundum. Auf keinen Fall.

Eigentum und Erinnerung
Fรผr die Familie Immler hat der Bescheid handfeste Folgen. Geplante Umbauten โ ein zusรคtzlicher Wohnraum fรผr den Sohn, altersgerechte Anpassungen โ sind nun nicht mehr genehmigungsfรคhig. โWir wollten ein Mehrgenerationenhaus schaffenโ, sagt Frau Immler. โJetzt ist das tot.โ
Die Gemeinde hatte das Vorhaben bereits befรผrwortet, sogar den Bebauungsplan angepasst. Doch mit dem Denkmalschutz sei โalles blockiertโ, sagt das Paar.
Zudem drohe ein Wertverlust. โDie Denkmalpfleger sagen, so ein Haus kรถnne man besser verkaufen. Die Wahrheit ist: Die Zahl der Kรคufer geht von zehn auf einen zurรผck. Wir reden hier รผber 15 bis 25 Prozent weniger Marktwertโ und ergรคnzt, โdas ist eine Teilenteignung.โ
Die Perspektive der Behรถrde
Das Landesamt selbst argumentiert anders: Die denkmalrechtliche Einstufung beruhe nicht nur auf baulichen Merkmalen, sondern auf der โwissenschaftlichen und kรผnstlerischen Bedeutungโ des Architekten. Auch ein verรคndertes Gebรคude kรถnne Trรคger einer โรผbergeordneten kulturellen Bedeutungโ sein โ etwa, wenn es als Erstbau eines wichtigen Architekten gilt.
Doch diese Begrรผndung รผberzeugt nicht alle. Denn sie lรถst den Denkmalschutz von der konkreten Substanz โ und stรผtzt ihn auf die Idee, nicht auf das Bauwerk.
โEs wird nicht am Objekt entschiedenโ, sagt Immler. โMan schรผtzt hier nicht das Haus, sondern den Namen.โ
Bodendenkmรคler ja, Sep Ruf nein
Und dann ist da noch die Sache mit den Bodendenkmรคlern. So hat die Bauamtsleiterin der Gemeinde Gmund mit Eingang des Bauantrags der Familie Immler das Landesamt um eine Stellungnahme gebeten. Schlieรlich ging es ja um eine รnderung des Bebauungsplans, um den Plan der Familie, das Haus aufzustocken, zu genehmigen.
Im Antwortschreiben des Landesamts im Juni 2024 wird indes nur darauf Bezug genommen, dass „die Denkmalkenntnis im Umfeld des Tegernsees im Vergleich zu den umliegenden Siedlungslandschaften am Chiemsee, Kochel- und Walchensee und im Inn- und Isartal als eher schlecht gelten“ und dass davon auszugehen ist, dass es hier auch Bodendenkmรคler zu berรผcksichtigen gilt, die bisher nicht entdeckt wurden.
Von einem Hinweis auf Sep Ruf? Keine Spur.
m Antwortschreiben des Landesamts vom Juni 2024 war ausschlieรlich von mรถglichen Bodendenkmรคlern die Rede, die im Umfeld des Tegernsees vermutet werden. Ein Hinweis auf Sep Ruf oder den denkmalpflegerischen Status des Hauses fehlte vรถllig.
Auf unsere Rรผckfrage konnte das Landesamt das entsprechende Dokument zunรคchst nicht finden โ erst spรคter stellte sich heraus, dass es lรคngst existierte.
Der grรถรere Konflikt
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die weit รผber Gmund hinausreicht. Der Denkmalschutz bewegt sich โ oft unbemerkt โ zwischen zwei Polen: dem Schutz der baulichen Originalitรคt und dem Erhalt kultureller Narrative.
Frรผher galt: Nur, was original ist, kann Denkmal sein. Heute geht es zunehmend auch um Bedeutung, Symbolik, gesellschaftliche Werte. Damit verschiebt sich das Verhรคltnis von Bรผrger und Staat.
Wenn Eigentรผmer plรถtzlich erfahren, dass ihr Haus ohne Mitwirkung zum Denkmal erklรคrt wird, entstehen Spannungen โ besonders dort, wo Modernisierung, Energieeffizienz oder neue Lebensformen mit alten Schutzkategorien kollidieren.
Das Beispiel Gmund zeigt, wie komplex das wird, wenn private Lebensentwรผrfe auf รถffentliche Erinnerungspolitik treffen.
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