Fuchs – wir haben Dich bestohlen
Jedes Jahr werden in Deutschland rund 500.000 Füchse erschossen – meist mit der Begründung, ihre Bestände regulieren zu müssen. Doch was, wenn genau dieses Eingreifen das Problem erst verschärft? Ein Text über Selbstregulation in der Natur, menschliche Überheblichkeit – und die Frage, ob wir dem Fuchs nicht Unrecht tun.
Von: Yvonne Aschoff | Veröffentlicht am 3. April | Kommentar

Wir berauben dich deines Lebensraums und beschuldigen dich der Überpopulation. Wir sprechen dir deine natürliche Intelligenz ab und erheben uns mit Tötungskommandos über deine Instinktsicherheit.
Wir bestehlen dich deiner Würde, mit der du als Mitglied eines Naturverbunds deinen regulierenden Platz einnimmst.
Und wir berauben dich deines Lebens – jährlich rund fünf.hundert.tausend.fach!
Jedes Jahr etwa 500.000 erschossene Füchse in Deutschland (Bayern ist ganz vorne mit dabei) gehen auf das Konto menschlicher Überheblichkeit über die Selbstregulierungsmechanismen der Natur. Das darf man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Die eilfertig gelieferten Argumente der Prävention von Fuchsräude, Fuchsbandwurm und gerissenen Federviehs wirken lediglich wie der bittere Nachgeschmack in der Kehle nach dem Erbrechen dieser horrenden Zahlen. Die nicht sein müssten.
Schon längst belegen Studien aus den Niederlanden – unsere Nachbarn haben den großangelegten Abschuss von Füchsen inzwischen eingestellt. Dass Fuchsbestände, die weitgehend unbejagt bleiben, sich über Sozialstruktur, Revierverhalten und Nahrung selbst stabilisieren. Ja, die Geduld für diese „Renaturierungsphase“ muss man aufbringen, aber es lohnt sich.
Die Natur kennt fein austarierte Gleichgewichte, die selten durch menschliches Eingreifen verbessert werden – häufig entstehen sogar neue Dynamiken, die den ursprünglichen Regulierungszielen entgegenlaufen. Dann sucht man händeringend die Lösung zu einem Problem, das selbstgemacht ist und bereits aus dem Ruder läuft.
Meist müssen die Tiere mit ihrem Leben dafür bezahlen, dass sich unsere Spezies so verdammt schwer damit tut, sich Fehler einzugestehen und eine Korrektur vorzunehmen. Selten haben wir auch den Mut, der Natur das zuzusprechen, was wir selbst inzwischen grandios mangeln: natürliche Intelligenz. Der Mensch hat sich in der Entfremdung von seiner Umwelt (und damit von sich selbst) auf abstoßende Art und Weise zur Sittenpolizei erhoben – und ist dabei relativ unbestreitbar selbst das Unsittlichste, was es auf dieser Erde gibt.
Warum gelingt es uns denn nicht, den Fuchs für seine faszinierenden Eigenschaften zu achten? Reineke ist nicht hintertrieben, er ist ein Meister der Präzision mit hochentwickelter Problemlösefähigkeit. So reagiert er beispielsweise auf die mörderischen Abschussquoten einfach mit höherer Geburtenrate, um zu kompensieren.
Merkste was?
Zugleich erfüllen Füchse eine wichtige ökologische Rolle als Gesundheitspolizei – wenn man sie lässt –, indem sie Aas beseitigen und kranke oder geschwächte Tiere aus Populationen entfernen. Das macht er ohne Ratio, ohne kognitive Dominanz, in gesundem Maße.
Wäre es nicht an der Zeit dem Fuchs mehr Achtung und Vertrauen entgegenzubringen, seine Bestände sich weitgehend selbst regulieren zu lassen und nur dort einzugreifen, wo einzelne Tiere offensichtlich krank sind und großes Leid erfahren – so, wie es eben der Fuchs als Aufräumer macht? Vielleicht wäre das der humanere Weg, während alles andere fies nach Schuldumkehr riecht, für die der Mensch in seiner Schießwut Rechtfertigung sucht.
Im Zweifel für den Angeklagten. Das gilt auch für den Fuchs!