Drei Fragen an Hoteldirektorin Gloria Steiger

Hoch über dem Tegernsee, am Ende einer steilen Straße, liegt das Hotel Der Westerhof – ein Haus mit jahrhundertealter Geschichte, niedrigen Decken und viel Patina. Eigentümer ist Dr. Andreas Greither. Seit 2019 steht der Plan: ein Fünf-Sterne-Gesundheitshotel mit deutlich mehr Zimmern, Wellnessbereich, Chalets und neuer Infrastruktur am Hang oberhalb von Tegernsee sollte hier entstehen. Loslegen könnte Greither jetzt, denn die Baugenehmigung ist seit Anfang 2026 da.

Doch die neue Hoteldirektorin Gloria Steiger, Unternehmer-Tochter und Hotelpersönlichkeit, hat andere Ideen, wie es mit dem Westerhof weitergehen soll.

Von: Redaktion| Veröffentlicht am 23. Juli 2026

Arbeiten mit Aussicht und die einzige sichtbare Automatisierung ist die hartnäckige Markise, die sich während des Gespräch pünktlich zum Schatten oder Sonnenwechsel raus- oder reinschiebt. Foto: Julia Jäckel

Frau Steiger, überall in der Hotellerie wird von Automatisierung geredet – Self-Check-in, Apps, sogar Roboter. Sie sagen: nicht bei uns. Warum?

Menschen wollen verreisen – und werden das auch künftig immer wollen. Und sie wollen Ansprache haben, dass da Wärme ist, eine gewisse Nähe. Die Leute sind heute ultra gestresst: immer erreichbar, überall blinkt etwas – habe ich das schon gemacht, war ich schon auf meinem Social Media? Bei uns dürfen sie bei der Anreise alles weglegen.

Drei, fünf Tage komplett abschalten, hier sitzen und denken: Wow, ich lebe. Was höre ich? Rauschen, Vogelzwitschern. Morgens spazieren Hirsch und Reh über die Wiese. Dafür werden die Leute bezahlen – und dafür, dass ein Mensch sie aufs herzlichste willkommen heißt.

Also kein Self-Check-in, kein Automat an der Rezeption?

In der Anonymität einer Geschäftsreise ist das völlig okay. Wenn Sie übermorgen einen Termin in New York haben, fliegen Sie hin, der Safe geht auf, die Schlüsselkarte fällt raus oder liegt auf dem Handy – fertig. Da wollen Sie es vielleicht gar nicht anders. Aber wer zur Erholung kommt, wer sich für ein größeres Zeitfenster etwas Gutes sucht, der will menschliche Interaktion. Bei mir wird es keine Roboter geben. Punkt.

Frühstücksroboter gibt es ja durchaus, auch hier in der Gegend.

Ja, die gibt es in dem einen oder anderen Haus. Aber dann fährt Ihnen das Ding an den Fuß. Das ist mal lustig zum Draufschauen, wo man sagt: aha. Ernst zu nehmen ist das noch nicht. Wer zu uns heraufkommt, möchte nicht, dass ihm ein Automat entgegenrollt und die angeblich heiß ersehnte Tasse Kaffee bringt. Er möchte, dass ihn ein Mensch anstrahlt und fragt: Was kann ich für Sie tun?

Sie haben seit Kurzem eine Baugenehmigung – nach zehn Jahren. Trotzdem wollen Sie nicht abreißen. Warum?

Weil es unter anderem so keinen Sinn mehr macht. Vor über zehn Jahren waren die Gegebenheiten im Tegernseer Tal, in der Hotellerie-Szene, noch ganz andere. Und rein baulich: Wenn Sie so ein Haus entkernen, verlieren Sie den Bestandsschutz und fallen zum Beispiel sofort in den aktuellen Brandschutzstandard. Selbst wenn Sie sich den Luxus leisten, nur die Außenmauern zu halten – Sie kriegen es nicht hin. Also bringen wir das Haus erst einmal wieder richtig ans Laufen. Es gibt genug Gäste, die gewisse Stolpersteine eines alten Hauses gerne in Kauf nehmen.

Und wenn Sie träumen dürften – wie sähe der Westerhof aus?

Genau so, wie er ist. Dazu ein Pool aufs Dach – zwei Bahnen, achtzehn Meter, in dunklem Granit, dass man meint, man schwimmt im Tegernsee. Weniger Zimmer, vielleicht 23 bis 25. Im hinteren Gebäude statt dreizehn Einheiten acht Apartments für Longstayer und Familien, die sagen: Wir brauchen es nicht ganz so schick, aber eine Küche, dann kommen wir mit den Kindern und müssen abends nicht immer hinunter. Und ein kleines Haus als Mitarbeiterhaus. Im Prinzip so, wie es jetzt schon hier steht. Das Haus soll eine persönliche Handschrift tragen – davon lebt es.

Sie sprechen viel von Ressourcen. Wie wassersparend arbeitet ein Hotel wie Ihres überhaupt?

Es fängt bei ganz simplen Fragen an: Wasche ich meine Wäsche selbst oder gebe ich sie in die Großwäscherei? Tisch- und Bettwäsche – das ist immens. Unsere Toilettenspülungen laufen auf ein Minimum, um Wasser zu sparen. Spülmaschine und Waschmaschine laufen nur voll. Und wir gießen hier oben nichts. Außer meinen Geranien ist alles sich selbst überlassen – meine Pflanzen müssen selber sehen, dass sie hier klarkommen. Und das funktioniert erstaunlich gut. Das Kuriose: Die Gäste wollen lesen, dass man nachhaltig arbeitet – und trotzdem jeden Tag ein frisches Handtuch. So einfach ist es eben nicht.

(Anmerkung der Redaktion: Auch der Rasen vor dem Haus wird bewusst nicht gesprengt und hat es bisher gut ausgehalten.)

Wenn man an die großen Spa-Bauten im Tal denkt: Wie macht man das in den nächsten fünfzehn Jahren, mit Energie und Wasser? Wenn auf einmal vom Landratsamt kommt, ihr müsst sparen – das ist ja eine Entscheidung, die man nicht selbst fällt. Passt da ein Pool aufs Dach überhaupt noch?

Genau deshalb nur zwei Bahnen. Ich habe zu meinem Inhaber gesagt: Hier gibt es nur hin- und zurückschwimmen, mehr Platz ist da gar nicht. Das ist bewusst klein und clever gemacht. Lieber so, als ein riesiges Spa, das ich in ein paar Jahren womöglich gar nicht mehr verantworten kann.

Sie haben die Auslastung in wenigen Monaten über 80 Prozent gebracht. Wie?

Mit Revenue Management, jeden Tag. Das ist morgens das Erste – die im Team lachen schon: Jetzt dürfen wir zehn Minuten nicht stören. Wie war mein Pick-up, sind mehr Zimmer gebucht, wo und an welchem Tag, wo nicht? Bei so einem kleinen Haus mit einer so besonderen Lage muss man sich täglich mit seinen Zahlen beschäftigen; ich habe keine Konkurrenz, mit der ich mich vergleichen kann, alle anderen sind unten.

Dazu Marketing – mir macht das Spaß. Es gibt jede Woche einen Newsletter, aber nicht einfach nur rausgeschickt. Wir sind bewusst kreativ und schreiben die Leute gezielt an. Mit dem Wenigen, was wir haben – und dann funktioniert das auch.

Die Lage ist ein Traum – und im Winter eine Herausforderung.

Die Anfahrt ist eine Ansage. Als ich Mitte Dezember angefangen habe, hatte ich an Weihnachten Gäste, die mich von unten angerufen haben: Sie kommen den Berg nicht hoch, die Straße wird oft nicht vor acht Uhr geräumt. Da überlegt man sich, den Gast schon bei der Reservierung anzusprechen, ob sein Auto wintertauglich ist – und wenn nicht, finden wir einen Weg, ihn zu holen. Zur Not mit einem Allradfahrzeug, und wenn es das unseres Inhabers ist. Es geht ja wirklich nur um diese Spitzenzeiten, wenn es frisch geschneit hat.

Was ist aktuell die größte Herausforderung?

Das Personal, nach wie vor – und das hängt auch an der Lage. Sie fahren nicht einfach nach Tegernsee, Sie müssen auch noch den Berg hoch. Sie brauchen ein Auto. Ich habe ein Zimmermädchen, das jeden Morgen aus Holzkirchen kommt, weil dort die Schwester auf ihr Kind aufpasst – anders ginge es nicht. Von einem Housekeeping-Gehalt können Sie sich das Leben hier im Tegernseer Tal allein nicht leisten. Deshalb brauche ich weiterhin ein Mitarbeiterhaus für vier, fünf sehr gute Leute, auf die ich mich wirklich verlassen kann. Fluktuation braucht keiner – aber ich weiß, sie verlassen nicht mich, sondern es sind die Gegebenheiten.

Ist Reduktion – weniger Zimmer, weniger Betrieb – auch eine Antwort auf den Personalmangel?

Natürlich. Aber ein paar Leute braucht man immer: diesen Kopf, und dann vier, fünf, auf die Verlass ist. Und ich bin bereit zu investieren. Meiner jungen Köchin sage ich: Du hast gut gelernt, jetzt schicke ich dich im Herbst noch für zwei Wochen zu Freunden in die Spitzengastronomie nach Österreich, dass du siehst, wo man genauer werden muss. Meine Leute sollen von meinen Verbindungen profitieren. So bekommt das Haus sein Niveau – und die Menschen bleiben.

Sie sind keine Quereinsteigerin – Sie haben die Hotellerie von der Pike auf gelernt.

Ich war eine der ersten Auszubildenden bei Kempinski Hotels, im damals einzigen Leading Hotels of the World an einem Flughafen, weltweit. Danach war ich im Start-Team des ersten Boutique-Hotels von Kempinski in Deutschland, in Leipzig. In den Staaten habe ich an einer der renommiertesten Hotel-Universitäten studiert, der Cornell University. Ich hatte 14 Jahre lang ein eigenes Hotel hier im Tegernseer Tal, 50 Zimmer, mit drei Restaurants inklusive Halbpensionsbetrieb – ein harter Job, eine tolle Erfahrung, ich möchte nichts davon missen. Später war ich stellvertretend verantwortlich für drei Boutique-Hotels in München. Ich liebe die Hotellerie und habe mich nie vor etwas gescheut.

Dazwischen lag ein harter Einschnitt.

Ich hatte einen folgenschweren Unfall, war drei Jahre lang im Grunde aus dem Leben – mit künstlichem Unterschenkel und künstlicher Schulter, als alleinerziehende Mutter. Rückblickend ist alles gut, ich würde nie darüber jammern. Ich musste immer darum kämpfen, uns durchzubringen. Das prägt – und ich bin dadurch, ehrlich gesagt, ein Stück kampferprobt geworden.

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