Kleiner Feigling
Ein Schneehasen-Moment im Tegernseer Bergraum ist eine seltene Begegnung. Der perfekt angepasste Alpenbewohner leidet unter Klimawandel, Wintersport und schwindender Ruhe. Warum sein weißes Winterfell heute zur Gefahr wird – und was das über unsere Berge sagt.
Von: Yvonne Aschoff| Veröffentlicht am 1. Januar 2026

Wer im Raum Tegernsee einen Schneehasen erblickt, erlebt definitiv eine rare Ausnahme. Der Alpen-Schneehase – Lepus timidus, quasi: Angsthase – zählt zu den am besten angepassten, aber auch empfindlichsten Bewohnern der bayerischen Hochlagen.
Sein bevorzugter Lebensraum beginnt in Regionen oberhalb von rund 1.200 Metern – dort also, wo die Bergwälder ausdünnen, offene, windgefegte Flächen dominieren und unser Wintersport in die Natur greift. Im Tegernseer Bergraum bedeutet das:
Des Schneehasen Vorkommen ist möglich, aber stark beschränkt. Genaue Bestandszahlen gibt es nicht.
Der kleine Meister der Tarnung wechselt zweimal im Jahr das Fell, von graubraun im Sommer zu schneeweiß im Winter. Kurze Löffel, kompakter Körperbau – damit keine überflüssige Masse Kälte und Winterstürmen ausgesetzt ist. Wie natürliche Schneeschuhe sind seine breiten, dicht behaarten Pfoten, die ihn blitzschnell über Schneeflächen tragen, um Jägern wie Adler, Fuchs und – theoretisch – Luchs zu entkommen.
Weniger feig als instinktsicher ruht Hoppel deshalb tagsüber gut geschützt in Mulden oder selbst gebuddelten Schneehöhlen, bis er sich im Dämmerlicht hinaus traut, um weniger sichtbar Rinde, Knospen oder Triebe zu mümmeln.
Seine natürliche Vorsicht nutzt ihm aber leider immer weniger. Lepus timidus ist insgesamt selten und steht noch aus ganz anderen Gründen unter Druck: Nicht nur unser Vordringen in seinen Lebensraum macht ihm zu schaffen, sondern auch veränderte Schneemengen und -zeiten. Das führt zu Fehlanpassungen beim Fellwechsel und macht die biologisch klug gedachte Tarnung zum Todesurteil … Ist einfach Mist, wenn man als weißer Fellfleck auf braunem Grund hockt und damit auf dem Silbertablett der Fressfeinde.
Aber auch das Nachrücken des Feldhasen, seines größeren Verwandten aus dem Tal, in höhere Lagen, bedrängt den flauschigen Berggeist. Unser kluger kleiner Feigling bleibt damit zwangsläufig ein diskretes Tier, dessen Schutz viel Ruhe, stabile Lebensräume und eine sensible Nutzung der Bergwelt erfordert.