Oberbayern Süd wird sicherer.
Nur daheim nicht.

Während sich die meisten abends beruhigt schlafen legen, weil die Lektüre des Sicherheitsberichts des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd recht manierlich ausgefallen ist, schlafen einige besonders schlecht ­ oder gar nicht mehr.

Von: Julia Jäckel| Veröffentlicht am 1. Mai 2026 im Newsletter

Es war einmal ein Schutzgedanke: Foto: Julia Jäckel

Das sind vor allem Frauen und Kinder, die zu Hause Gewalt erfahren. Denn die Zahl der häuslichen Gewalt ist nach wie vor hoch und an manchen Stellen hat sie einen Sprung gemacht: Allein 2025 erfasste die Polizei im Bereich Oberbayern Süd 1.854  Körperverletzungen im Kontext häuslicher Gewalt – im Durchschnitt mehr als fünf pro Tag. 

Die Zahl der Tötungsdelikte stieg im gleichen Zeitraum von acht auf vierzehn, ein Plus von 75 Prozent. Auch Bedrohungen legten um rund elf Prozent zu. Zur Einordnung: Die Gesamtkriminalität im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums ging um 12,3 Prozent zurück.

Auch im Landkreis Miesbach werden Menschen Opfer häuslicher Gewalt. Im vergangenen Jahr waren das an die 200.

Wie viele exakt im Tegernseer Tal betroffen sind, lässt sich nicht ermitteln. Dazu schreibt die Pressestelle der Polizei Südbayern: „Fallzahlen auf Gemeindeebene möchten wir grundsätzlich nicht veröffentlichen.“ Begründung?

Auf Gemeindeebene ließen sich Betroffene womöglich identifizieren, damit seien „Persönlichkeitsrechte tangiert“.

Nachvollziehbar. Nur: Ohne Zahlen keine politischen Maßnahmen. Zum Beispiel ein Frauenhaus. Das hat der Landkreis Miesbach nicht. Weil er keines braucht, so die Überzeugung der Lokalpolitik.

Kein Frauenhaus, nirgendwo

Die Pressesprecherin des Landrats zählt drei Gründe auf, warum es im Landkreis kein Frauenhaus gibt: Zum einen würde die „vergleichsweise geringe Bedarfslage im Landkreis“ die Voraussetzung für eine staatliche Förderung nicht erreichen. Zweitens habe sich in zahlreichen Gesprächen kein geeigneter örtlicher Träger gefunden. Und drittens würden Frauen „häufig bewusst Schutz außerhalb ihres bisherigen sozialen Umfelds“ suchen. Auch deswegen sei der Landkreis seit 2001 eben an das Frauenhaus Bad Tölz/Wolfratshausen angeschlossen.

Dabei gab es im Landkreis sehr wohl Bemühungen, ein Hilfsangebot für Frauen aufzubauen – auch wenn es kein klassisches Frauenhaus geworden wäre.

Am Tegernsee. In Rottach-Egern.

Offenes Angebot für Frauen in Not

Hier steht ein altes Pfarrhaus, das Pfarrer Walter Waldschütz 2021 im Erbbaurecht für 80 Jahre an einen sozialen Träger verpachten wollte.

Das Konzept stand: im Erdgeschoss eine Beratungsstelle, in den Stockwerken darüber Wohnplätze, mitgedacht waren Müttererholung und die Aufnahme junger Frauen und Mädchen in Notlagen. Auch der Katholische Frauenbund und die Nachbarschaftshilfe waren eingebunden. „Das ist kein klassisches Frauenhaus, wo Frauen anonym Schutz suchen – gedacht war es als offenes Angebot für Frauen in Not, auch für junge Mädchen oder Mütter“, sagt Waldschütz heute.

Finanziert hätte es Gertraud Gruber: Mäzenatin aus dem Tal, mit fast 100 Jahren noch aktive Stifterin, vorher schon Geldgeberin unter anderem für eine Kleinkinderkrippe und ein Hospiz. „Das Projekt hätte ein Volumen von über einer Million Euro gehabt – entsprechend groß war am Ende auch die Enttäuschung“, sagt Irene Bopp, Vorsitzende der Gertraud-und-Josef-Gruber-Stiftung. Geld war also da. Räume waren da. Konzept war da.

Ein Jahr Planungen und dann …

Was nicht da war, war die Zustimmung des Diözesan-Caritasverbands. Über mehr als ein Jahr lief die Planung auf Kreisebene mit der Caritas; kurz vor Vertragsunterzeichnung kippte das Projekt. 

Aus dem Landratsamt heißt es heute, der vorgesehene Träger habe sich „mangels lokaler personeller und struktureller Kapazitäten nicht in der Lage“ gesehen, den Betrieb zu übernehmen. Der Pfarrer formuliert es konkreter: Aus der Verbandsspitze der Caritas sei am Ende die Auskunft gekommen, der Betrieb eines solchen Angebots sei „nicht das originäre Geschäft“ des Verbandes. Die Gruber-Stiftung setzte eine Deadline; als die verstrich, zog sie das Angebot zurück. Gertraud Gruber ist inzwischen verstorben.

„Mich ärgert es immer noch“, sagt Waldschütz. Eine finanzierte Anlaufstelle, die den Landkreis nichts gekostet hätte, sei verspielt worden. Und dabei wäre es hier nicht einmal um häusliche Gewalt im engeren Sinne gegangen, sondern um das Abfedern sozialer Härte, die das Tegernseer Tal in besonderer Weise trifft: „Es schaut immer so aus, dass wir hier nur die Schönen und die Reichen haben – aber wir haben ganz viel Not.“

Rechte ohne Schutz

Zurück zur häuslichen Gewalt. Was Frauen in Deutschland in einer solchen Lage zusteht, ist auf dem Papier längst geregelt. Bereits Anfang der 2000er Jahre hat der Staat mit dem Gewaltschutzgesetz ein Instrument geschaffen, das Opfer schützen soll: Seitdem können Täter der Wohnung verwiesen werden, Kontakt- und Annäherungsverbote ausgesprochen werden. Auch international hat sich Deutschland verpflichtet. Mit der Istanbul-Konvention, die 2018 in Kraft trat, müssen Prävention, Schutz, Strafverfolgung und Hilfsangebote systematisch ausgebaut werden.

Eine umfassende nationale Gewaltschutzstrategie ist daraus bislang nicht entstanden – einer der Gründe, warum eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft. Die Zahlen sprechen für sich: Bundesweit wurden 2024 mehr als 265.000 Opfer häuslicher Gewalt registriert – ein Höchststand. Die Mehrheit sind Frauen, meist in Partnerschaften. Allein in Bayern sind es 27.214 Fälle.

Gesetze können Schutz anordnen. Aber sie ersetzen keine Orte, an denen Schutz tatsächlich möglich ist. Genau hier beginnt die Verantwortung der Politik. Wer Gewalt wirksam bekämpfen will, braucht nicht nur Paragrafen, sondern Strukturen: Beratungsstellen, Schutzräume, niedrigschwellige Angebote vor Ort.

Wie wichtig das Thema für die Lokalpolitik tatsächlich ist, lässt sich auch an den Antworten des neuen Landrats Jens Zangenfeind ablesen. Im Kommunalwahlkampf, befragt von den „Omas gegen Rechts“, betont er die Bedeutung von Frauenhäusern: „Diese Zufluchtsstätten sind für Betroffene unendlich wichtig.“

Konkrete Schritte nennt er nicht.

Hilfe bei häuslicher Gewalt

Im Notfall: 110
Wer in akuter Gefahr ist, ruft die Polizei. Sie kann den Täter aus der Wohnung weisen und so die ersten Stunden sichern.

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen:
116 016 — bundesweit, kostenlos, anonym, rund um die Uhr, in 18 Sprachen und in Gebärdensprache. Auch für Angehörige, Freundinnen, Nachbarn, die unsicher sind, wie sie helfen können.
Online-Beratung und Chat: hilfetelefon.de

Frauennotruf Oberland / MaVia e.V.:
Beratung für Frauen und Mädchen, die sexualisierte oder häusliche Gewalt erlebt haben — kostenlos und vertraulich.
Telefon Miesbach: 08025 993 2000
www.mavia-frauennotruf.de

Frauenhaus Bad Tölz-Wolfratshausen / Caritas:
Nächstgelegene Schutzunterkunft für Frauen und ihre Kinder. Aufnahme rund um die Uhr nach telefonischer Voranmeldung:
08171 186 80

Für Männer, die Gewalt erleben:
Hilfetelefon: 0800 1239900
Montag bis Donnerstag 8–20 Uhr, Freitag 8–15 Uhr.

Weißer Ring:
Opfer-Telefon: 116 006
Bundesweit, kostenlos und anonym — täglich von 7 bis 22 Uhr. Hilfe für Menschen, die von einer Straftat betroffen sind, sowie für Angehörige und Zeug:innen.
weisser-ring.de

Wichtig: Im Landkreis Miesbach selbst gibt es bislang keine eigene Schutzunterkunft für Frauen.