Sep-Ruf-Haus spaltet
Er gilt als Stararchitekt der deutschen Nachkriegsmoderne. Mehrere Bauten von Sep Ruf stehen am Tegernsee. Nicht jeder hat Gespür für das damit verbundene historische und architektonische Erbe.
Von: Julia Jäckel| Veröffentlicht am 26. September 2025
2024 stellte der Eigentümer des Sep-Ruf-Wohnhauses in Gmund einen Bauantrag. Es ging um die Aufstockung des Hauses. Konkret um drei Meter, plus Barrierefreiheit. Der Gemeinderat bewilligte beides und holte sich auch den Rat des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BlfD) ein. Das habe nur auf die Bodendenkmäler hingewiesen, so die Bauamtsleitung Christine Wild. Und jetzt?
Überraschung
Jetzt sind alle überrascht: Der zweite Bürgermeister, Herbert Kozemko (CSU). Oder Georg Rabl (CSU), der findet, dass hat ein „Geschmäckle, dass die plötzlich ihre Meinung ändern“ und „wenn das so weitergeht, hat eine rechtliche Grundlage nix mehr zum Sagen.“
Besonders hitzig ist am Dienstagabend im Bauausschuss auch die SPD-Gemeinderätin, Barbara von Miller. Es geht doch bei der Weiterentwicklung von Denkmälern auch um die Wohnentwicklung und dass sich die doch lieber mal um die „oberen Gebäude kümmern sollten, die fallen ja schon unterm Hintern weg.“
Die Sep-Ruf-Gesellschaft
Die, das ist die Sep-Ruf-Gesellschaft. Eine Interessensgemeinschaft namhafter Architekten und Kunsthistoriker sowie Denkmalpflegern. Darunter Deutschlands führender Architekturhistoriker Winfried Nerdinger, der ehemalige bayerische Generalkonservator Michael Petzet und die Architektin und Sep-Ruf-Expertin Irene Meissner.
Sie wollen durch ihre Arbeit, das Erbe von Sep Ruf bewahren und drum gehen sie mit ihren Anliegen an die Öffentlichkeit. Dass die Häuser verfallen würden, dagegen verwehrt sich Meissner: „Das Haus Erhard ist in einem sehr guten Zustand, die Tochter der Besitzer erläutert sehr schön die Intention von Sep Ruf und führt durch das Haus. Das Wohnhaus von Sep Ruf ist sanierungsbedürftig.“
Das Haus
Das Sep-Ruf-Haus in Gmund am Ackerberg wurde 1937 erbaut. Es gilt damit als Vorläufer für die weiteren Häuser, die Sep Ruf auf und am Ackerberg noch baute: Die Villa für Ludwig Erhard ist sicher das prominenteste Beispiel oder das Haus für den Nürnberger Zeitungsverleger Heinrich Merkel.
Das BlfD sieht das Wohnhaus als architekturgeschichtliches Zeugnis ersten Ranges. Es ist denkmalwürdig aufgrund seiner „besonderen, geschichtlichen, künstlerischen sowie wissenschaftlichen Bedeutung.“
So war das Haus Sep Rufs erstes Wohnhaus am Tegernsee, das er für sich und seine damalige Verlobte errichtet. Warum es dann nicht schon 2024 unter Schutz stellen?
Erstbewertung statt Neubewertung
Das Landesamt für Denkmalschutz antwortet dazu, dass es im Jahr 2024 keine Bewertung des Hauses gab, vielmehr fand „die Prüfung auf Denkmaleigenschaft des Architektenwohnhauses durch das BLfD (…) u.a. im Rahmen einer Ortseinsicht am 8. April 2025 statt. Es handelte sich nicht um eine Neubewertung, sondern um eine Erstbewertung der Denkmaleigenschaft.“
Über Sep Ruf
Moderne Baukunst mitten in der NS-Zeit ist ein Wagnis. Denn Sep Rufs Architektur hatte nichts mit dem dominanten Heimatstil gemein. Er schuf ein modernes Wohnhaus mit seiner „klaren kubischen Formsprache“, langgestreckten Baukörpern und viel Glas. Und eben das erste seiner Art am Tegernsee.
„Es grenzt an ein Wunder, wie Sep Ruf inmitten heimattümelnder Blut-und Boden-Architektur es geschafft hat, eine gläserne Fassade zum Garten zu realisieren“, so Meissner.
An die 300 Bauten hat Sep Ruf in Deutschland gebaut: darunter den Deutschen Pavillon für die Weltausstellung (1958), die neuen Akademiegebäude der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, die Neue Maxburg in München und das Werner -Heisenberg-Institut. Sep Ruf zählt damit zu den wichtigsten Architekten der deutschen Nachkriegszeit.
Gemeinderat
Die Haltung des Gemeinderats ist klar. Sie zweifeln an der Authentizität, also der Echtheit des Sep-Rufischem im beschriebenen Wohnhaus. Immerhin hat es ja schon zahlreiche Änderungen gegeben. Das stimmt.
Auch Sep Ruf hat das Haus seinen Lebensbedürfnissen angepasst und etwa verlängert, um Kinderzimmer unterzubringen oder eine Garage zu seinem Architektenbüro umgebaut.
Und auch die Bauamtsleiterin kann Änderungen vorweisen; in den 50er Jahren der Garagenumbau, in den 70er Jahren Verbindungsbalkone zum Nebengebäude und ein Antrag aus den 80er Jahren, der aber nicht umgesetzt worden ist.
Wild und die Mehrheit des Gemeinderats sind überzeugt, dass das Haus durch die zahlreichen Änderungen an Echtheit verloren hat. Sie wollen die Familie unterstützen, ihren Wohnraum zu gestalten. Aber ist damit die Diskussion hinfällig?
Ist das echt?
Meissner ist überzeugt, dass es eben nicht nur um Authentizität geht. „Sonst würde beispielsweise auch das Bauhausgebäude in Dessau von Walter Gropius nicht unter Schutz stehen.
Der berühmte gläserne Werkstattflügel ist eine Rekonstruktion. Es geht laut Bayerischem Denkmalschutzgesetz um die geschichtliche, künstlerische, städtebauliche, wissenschaftliche oder volkskundliche Bedeutung eines Bauwerks.“
Erhalten werden sollen sie im Interesse der Öffentlichkeit. Der Kreisbaumeister Christian Boiger wiederum zieht sich aus der Bewertung zurück und verweist auf das BlfD. „Die Entscheidung bzw. Bewertung, ob ein Gebäude die Voraussetzungen des Art. 1 BayDSchG erfüllt, obliegt allein der listenführenden Behörde, das ist für ganz Bayern das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege.“
Und das hat entschieden, dass das Haus schützenswert ist.
Anmerkung
In einer ersten Fassung haben wir Vater und Sohn verwechselt. Der bayerische Generalkonservator war Michael Petzet heißen. Muck Petzet ist sein Sohn und ein Architekt in München (29.09.2025).
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