Von oben herab. Starkbier, Spott und Schlafbedürfnis – die Starkbierpremiere im Bräu

Viel Gelächter, klare Spitzen – und ein Tal, das sich für einen Abend selbst auf die Schippe nimmt. Doch zwischen den Pointen blitzt immer wieder auf, worüber man eigentlich sprechen müsste. In die tieferen Schichten des Unbehagens im Tegernseer Tal dringt der Abend allerdings nicht vor.

Von Julia Jäckel | Veröffentlicht am 20. März im Newsletter

Predigt von oben herab: Fastenredner Nico Schifferer. Foto: Claudius Rafflenbeul-Schaub

Die Starkbier-Premiere im Bräu ist einer dieser Abende, an denen sich das Tegernseer Tal von oben betrachtet. Gleich vor der Kanzel sitzen Herzogin Anna in Bayern und Baron Andreas von Maltzan, auf der anderen Seite dann die Lokalpolitik, der neue Chef des Landkreises Miesbach, Jens Zangenfeind. Alle anderen Tal-Bürgermeister sind ebenfalls in Kanzel-Nähe. Nur der Sepp Bierschneider aus Kreuth nicht. Der sitzt im Nebenraum. Das aber freiwillig.

Zangenfeind hat heute Feuertaufe. Er soll das Fass anzapfen. Zwei Schläge, dann läuft das Bier. „Das war spitze“ lobt Bruder Barnabas. Der Kabarettist, Nico Schifferer, Fastenprediger der ersten Stunde, macht diesen Job seit 15 Jahren.

An die 400 Gäste bewirten Bräuwirt Peter Hubert und Gattin Caterina Hubert am Dienstagabend. Ihr Publikum erfreut sich am Schweinsbraten oder dem geräucherten Saiblingsfilet. Dazu gibt’s dunklen Doppelbock oder „umdrehungsfreies Bier“.

Schifferer führt sein Publikum behäbig einmal um den See. Zerrt die Talbürger hartnäckig vor die Schauplätze, über die niemand reden mag.

Es geht um die Dauerbaustellen des Tals: um die Almdorf-Grube über Tegernsee, die Jod-Schwefelbad-Brache, den ausgeträumten Traum einer Senioren-Wohnanlage auf dem ehemaligen Hotelgelände Edelweiß in Bad Wiessee, den Sommerstau, das „goldene Kalb Tourismus“, den ewigen Konflikt zwischen „dem Unterhachinger Radlfahrer und dem Porschefahrer“, Hybridbayern“ und ums „Pulver“ – den absurden Reichtum im Tal.

Feierbiest und Badetruck

Robert Kühn, Bürgermeister von Bad Wiessee, aka „Feierbiest“ bekommt jedes Jahr besonders viele Gags serviert. Auch 2026. Bad Wiessee steht sinnbildlich für den Urknall der Schwimmbadmisere im Tal. Vor vier Jahren wurde der Badepark abgerissen – „ohne Einbeziehung der anderen Gemeinden und ohne jegliches Konzept für die Zukunft“, tadelt Barnabas.

Seine Pointe? Eingeweiht werde wohl erst zu Kühns 80. Geburtstag.

„Wir sind in der reichsten Region der gesamten Bundesrepublik Deutschland. Aber wir haben kein Schwimmbad.“ Dafür aber einen „Badetruck“. Der steht seit vorgestern in Bad Wiessee. Das mobile Angebot zielt vor allem darauf, Kinder ans Wasser zu gewöhnen und wirkt mit Blick auf den See schon wie ein schlechter Witz.

Schüchterne Osterparty

Auch Christoph von Preysing bekommt seinen jährlichen Denkzettel. Barnabas spottet über die geplante Osterparty mit mehr als 2000 Gästen und setzt nach: „Der Champagnerverkauf ist wesentlich entscheidender als der Geräuschpegel.“ Selbst die Wiederauferstehung baut er noch in seinen Witz ein. „In Bad Wiessee feiert man am Ostermontag, dass man selber über die Latschen kommt.“ Der Saal dankt es ihm mit lautem Gelächter.

In Gmund widmet sich Schifferer dem Listenplatz 16 der CSU und damit Korbinian Kohler. Der hat sich mit einem selbstgebastelten Flyer zurück an den Gmunder Ratstisch gewürfelt. „Obgleich er bei der Nominierungsveranstaltung seiner Partei nicht da war“, so der Fastenprediger. „Wie die Athene aus dem Wasserschaum geboren“ fügt er hinzu und zeigt dem amüsierten Publikum eine Nahaufnahme des Kohler-vor-Tegernsee-Blau-Flyers.

Nach unten schauende Bürgermeister

Boomer, der Einzug der AfD an den Stadtratstisch und der „Yoga-Park“ sind Themen in Tegernsee. „Es ist eine herrliche Situation, so ohne Gegenkandidaten“, gratuliert er dem CSU-Bürgermeister Johannes Hagn. Besonders deutlich wird er, was die Parkgebühren am Schloss angeht: „Da ist die erste halbe Stunde frei, dann kostet die angefangene Stunde 8 Euro“ und „das ist eine Frechheit“, schimpft er. Das ist insofern bemerkenswert, weil er damit ungewöhnlich deutlich wird. Immerhin sitzt die Herzogin und Frau des Hauses gleich gegenüber. Zudem ist es nicht korrekt, denn die Parkgebühren sind die erste Stunde frei und dann kostet jede weitere halbe Stunde ein Euro. Vielleicht ist da im Parkärger einfach was durcheinandergekommen?

In Rottach-Egern streift der Prediger einmal quer durch die kommunalen Dauerbrenner – vom Rathausneubau über die Debatte um die Wildtierfütterung bis hin zum „Halligalli um die Technoparty auf dem Wallberg.“ Szenenapplaus bekommt der CSU-Bürgermeister Christian Köck, der der Familie wegen sein Amt niederlegt. Der Saal klatscht.

In Kreuth geht es um Brücken, Asphalt – und die Frage, wie viel Eingriff eine Landschaft verträgt, die eigentlich vom Gegenteil lebt. Und natürlich um die karge Kasse von Kreuth: „Wenn der Bierschneider den Begriff „finanzielle Beteiligung“ hört, dann kriegt er Systolen und seine Sekretärin muss sagen, dass er nicht im Haus ist.“

Fast zwei Stunden reitet der Prediger um den See. Zwischendurch trabt er mal und ein, zwei Pointen gelingen im Galopp. Einige Gags sind rund, vielen fehlt die Tiefe. Zuhörerinnen berichten nach dem Abend, einzelne Passagen habe Schifferer in ähnlicher Form schon im Vorjahr verwendet.

Ganz ohne Unschärfen kommt der Abend nicht aus. Wenn Barnabas vom reichen Tal ohne Schwimmbad spricht, funktioniert das als Zuspitzung – politisch ist die Lage komplizierter: Der Wohlstand im Tal ist ungleich verteilt, Bad Wiessee finanziell besonders unter Druck. Und über ein gemeinsames Bad entscheidet nicht eine Gemeinde allein, sondern alle gemeinsam. Diese Gemeinsamkeit fällt schon bei anderen Fragen schwer.

Der Abend funktioniert, das Publikum geht weitgehend mit; auch wenn Barnabas bei vielen Konflikten im Tal eher auf den schnellen Witz zielt als auf Tiefe und wirkliche Kritik.