Warum der Wal keine Wahl hat
Ein Wal strandet, Experten raten zur Zurückhaltung – und trotzdem startet heute, nach sehr viel Verzögerung, ein spektakulärer Rettungsversuch. Unsere Autorin fragt: Geht es hier noch um den Buckelwal Hope auch Timmy genannt – oder im Grunde um uns selbst?
Von: Yvonne Aschoff | Veröffentlicht am 17. April im Newsletter

Während sich der vermutlich unfreiwillig berühmt gewordene Buckelwal „Timmy“ nach übereinstimmender Einschätzung von Fachleuten im „terminalen Zustand“ befindet, Gutachten deutlich davon abraten, weiter einzugreifen, und internationale Expertise zur Zurückhaltung mahnt, geschieht nun genau das Gegenteil: Ein finaler Rettungsversuch wird gestartet.
Vom Tegernsee aus.
Initiiert von einem Unternehmer, der nicht etwa aus der Meeresbiologie kommt, nicht aus dem Tierschutz, sondern aus der Welt des Handels, der „Geiz ist geil“ erfand und vermutlich mehr Siege als Niederlagen kennt.
Zwischen Bewunderung und Unbehagen
Der fachfremde Blick auf die in jeglicher Hinsicht auf Grund gelaufene Situation vor der Insel Poel setzt durchaus neue, wichtige Denk- und Handlungsimpulse, wischt alle Vielleichts und Unmöglichs vom Tisch und schaut neu, ohne Paragraphenbrille und den besorgten Blick in Geldtöpfe. Solche Hands-on-Menschen brauchen wir in Situationen, in denen es um Leben und Tod geht.
Macher und Unternehmer
Gleichzeitig greift hier jemand mit Media-Markt-Momentum in ein hochkomplexes, von Experten als aussichtslos bewertetes Szenario ein (Quelle u. a.: Gutachten des Deutschen Meeresmuseums): sichtbar, groß, eindrucksvoll – aber nicht mehr zwingend sinnvoll für das große Tier, um das sich das ganze Debattenkarussell dreht.
„Mehr als einmal sterben kann er ja nicht.“
Die geplante Rettungsaktion scheint im Grunde genial. Der Einsatz von Luftkissen, Pontons und ein Schlepptransport in die Nordsee könnten vor ein paar Wochen vermutlich wirklich lebensrettend für den Wal gewesen sein. Ein Coup de Coeur mit glücklichem Ausgang für Timmy, als er vielleicht noch die nötige Resilienz hatte.
Dann hätte die Beherztheit dieses Unternehmers im Sinne einer authentischen Machermentalität sämtliche zeittotschlagende Diskussionsrunden und Ego-Streitereien von Wissenschaftlern, Politik und Behörden ad absurdum geführt. Sie hätte eindrücklich demonstriert, wie man ohne Befindlichkeitspinselei beteiligter Gremien die Ärmel hochkrempelt und anpackt.
Der nun zugelassene Rettungsversuch ist aber genau aufgrund der vorangegangenen Ereignisse kein Triumph der Empathie mehr. Er ist ein letzter Versuch, Kontrolle über etwas zu erlangen, das sich per Definition unserer Kontrolle entzieht: den Tod.
Der späte Eingriff
Wohl müssen wir uns eingestehen, dass es nun für diesen, uns inzwischen ans Herz gewachsenen Meeressäuger, zu spät ist, jede Hilfe zu spät kommt, oder die späte Hilfe ihm den Rest gibt. Nun mutet das Unterfangen an wie ein letztes Mittel gegen das kollektive schlechte Gewissen, weil Timmy überhaupt erst durch unsere Vermüllung und Störung seines Lebensraums in eine so fatale Lage gekommen ist.
Nicht mehr Rettung, sondern Projektion
Warum bleiben ausgerechnet jetzt die Fakten, die argumentativ ausschlaggebend für ein „in Ruhe lassen“ waren, unerwähnt?
Dass Timmys Haut längst Blasen wirft,
dass man nicht weiß, was er möglicherweise geschluckt hat in dem Versuch, sich von Seilen und Netzen zu befreien,
dass sein Eigengewicht über die letzten Tage mehr und mehr sein Inneres zerquetschte?
Der geplante Eingriff bedeutet trotz aller „sanften Maßnahmen“ sehr wahrscheinlich immerhin so viel Stress, dass er die körperliche Belastung verstärkt und eine empfindliche Störung des Sterbeprozesses bedeutet, in dem sich der sanfte Koloss unbestreitbar befindet. Und genau dem sollte jetzt mit Respekt begegnet werden.
Mitgefühl sieht anders aus
Nicht falsch verstehen. Mein Wunsch ist groß und taucht tief wie ein Wal, dass dieses Tier in letzter Minute gerettet wird und wie durch ein Wunder überlebt. Es ist ein kindlicher Wunsch. Ich würde mich aufrichtig für diesen Machermann freuen, wenn seine Aktion Erfolg zeigte. Aber es darf nicht um jeden Preis sein, denn hier geht es jetzt um andere Werte, Ethik und Moral – die wir Menschen gerne uminterpretieren, um uns selbst besser zu fühlen.
Die Sorge ist, dass Timmy jetzt, statt ihn mit Respekt dem natürlichen Zyklus anzuvertrauen (was er selbst bereits getan hat), medienwirksam zu einem riesigen Versuchstier wird. Wo es doch genau jetzt – leider – eher darum ginge einzusehen, dass wirkliches Mitgefühl manchmal bedeutet, genau nichts mehr zu tun und der Seele, die nun übernimmt, die Ruhe und den Raum für ihren Übergang zu gestalten.
Aktivität steht aber moralisch höher als Akzeptanz. Sie emotionalisiert und erlaubt uns, uns selbst als handelnd, als gut, als rettend wahrzunehmen.
Wale und das Urtiermomentum
Wale gelten als Hüter der Meere, als Träger uralter Weisheit, als Wesen, die tiefer mit den Rhythmen der Erde verbunden sind, als es für uns noch versteh- oder fühlbar ist. Wesen, die nicht nur existieren, sondern erinnern.
Wenn man dieser Perspektive auch nur einen Moment Raum gibt, ergibt sich eine radikal andere Lesart:
Was, wenn dieser Wal gar nicht mehr gerettet werden muss – und schon gar nicht will?
Was, wenn er längst wusste, dass er hier sterben würde?
Was, wenn er gar „mit Absicht“ gestrandet ist, diesem inneren Wissen folgend?
Dann wäre der jetzt noch eilig genehmigte Rettungsversuch nicht nur biologisch fragwürdig, sondern auch existenziell anmaßend.
Wa(h)llos
Dieser Wal hat keine Wahl. Er kann nicht entscheiden, ob er in Ruhe sterben darf. Er kann nicht widersprechen, wenn sein Körper jetzt noch zum Projekt gemacht wird.
Der Mann, der sich im letzten Moment zu Timmys Rettung aufschwingt, hat sich sowohl mit Philosophie als auch mit den Geschenken des Lebens auseinandergesetzt – mit Liebe, mit Glauben, Hoffnung, Glück und Gesundheit. Er zählt auch Niederlagen dazu. Für ihn kann die Aktion also nur gut ausgehen – auch wenn sie scheitert.
Jetzt geht es aber darum, in die Größe zu kommen, etwas auch loszulassen: nämlich unsere Meinungen, unsere Sichtweisen, unsere Pläne, unsere Hoffnungen – und abzugeben an etwas Größeres: das Leben selbst, und damit auch den Tod.
Luftkissen aus Respekt
Genau hier könnten wir für das sterbende Lebewesen die Reise anders gestalten: Es auf einem gedachten Luftkissen aus Respekt, Achtung und Liebe betten, statt seinen müden, kranken Körper weiter zu manipulieren.
Ihm stille Nachtwachen halten, uns zu Hunderten am Strand versammeln und für ihn gemeinsam summen, sodass ihn Schallwellen der Zuwendung erreichen. Ihm auf diese Weise vermitteln: Du bist nicht allein. Wir würdigen dich, statt dich weiter zu entwürdigen, begleiten dich, bis du hinübergeglitten bist.
Das wäre eine Maßnahme, die nicht aus dem Verstand, sondern aus dem Herzen kommt. Sie ist nicht verrückter als das, was gerade geplant ist.
Aber jede Wette, dass sie Timmys Seele erreicht und ihn im Kern seiner Walnatur als sanftmütigen Weltenreisenden berührt und wahre Unterstützung schenkt.