Wem gehört das Tal?
Vier Jahre Streit, ein zurückgezogener Bauantrag kurz vor dem Urteil — und am Ende die Frage: Wie viel Kommerz verträgt das Tegernseer Tal eigentlich noch? Die Geschichte der Saurüsselalm ist nicht nur ein Konflikt um eine Almwirtschaft. Sie erzählt von Investoren, Naturschutz, Luxusprojekten — und davon, wem das Tal künftig gehören soll.
Von: Von Julia Jäckel| Veröffentlicht am 16. Mai 2026 zuerst im Newsletter

Wem gehört das Tal?
Die Alm liegt in einer Kuhle, umgeben von dichtem Mischwald und sanft geschwungenen Hängen. Oberhalb grasen Pferde, in der Mitte – in einer Kuhle – die Saurüsselalm. Von weitem sieht sie urig aus. Doch der Eindruck täuscht. Die Saurüsselalm ist eine marketing- und bautechnisch souveräne Erfindung.
Vor ein paar Wochen verkündete jetzt das Landratsamt Miesbach, es gibt eine Einigung zwischen den Naturschutzverbänden und dem Bauherren, einem Großunternehmer aus Freising.
Vorausgegangen ist ein bald vierjähriger Rechtsstreit. Naturschutzverbände klagten gegen die Baugenehmigung, die das Landratsamt Miesbach für den Umbau einer landwirtschaftlichen Almhütte in eine gastronomische erteilte.
Die genehmigte Betriebsbeschreibung war weitreichend: ganzjähriger Gaststättenbetrieb, ein Hüttenabend pro Woche, dazu fünfzehn Sonderveranstaltungen im Jahr für geschlossene Gesellschaften — ohne zeitliche Beschränkung, mit Kleinbus-Shuttle.
Das Verwaltungsgericht München hob die Genehmigung für die Sonderveranstaltungen bereits im Sommer 2022 auf und wies den Rest der Klage ab. Die Begründung?
Eine Almgaststätte sei im Außenbereich kein privilegiertes Vorhaben. Nachtbetrieb und Shuttle-Verkehr beeinträchtigten den Naturschutz.
Beide Seiten gingen in Berufung. Nächste Station: Bayerischer Verwaltungsgerichtshof. Der ließ die Berufung zu — wegen „ernstlicher Zweifel an der Richtigkeit des Urteils“.
Dann, im September 2024, am Tag des Prozesses und ziemlich am Ende der sachlichen Darlegung der Münchner Justiz, zog der Bauherr seinen Bauantrag beim Landratsamt Miesbach zurück. Zu einem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs kam es damit nicht.
Wenige Monate später legte das Gastronomen-Pächter-Paar Frühauf die Küche in der Saurüsselalm, in der sie drei Jahre lang neben Allgäuer Kässpätzle, hausgemachten Brezenknödeln auch Trüffel-Pizza servierten, auf Eis. Zuviel Medienschelte, zuviel Streit vor Gericht, argumentierten sie.
Neue Vereinbarung
Jetzt also eine außergerichtliche Einigung unter der Moderation des Landrats Olaf von Löwis. Haarscharf auf den letzten Metern seiner Amtszeit.
Seit zwei Wochen gelten für die Zukunft folgende Rahmenbedingungen: Künftig darf die Saurüsselalm nur noch zwischen 9 und 19 Uhr geöffnet werden, keine Wegbeleuchtung, keine Musik auf der Terrasse nach Sonnenuntergang und nur noch almtypische Speisen.
Und vor allem: Keine Sonderveranstaltungen oder geschlossene Gesellschaften.
Bemerkenswert ist nicht, was beschlossen wurde. Bemerkenswert ist der Weg dahin.
Die Akteure
Franz Josef Haslberger ist ein Freisinger Baustoffunternehmer und Immobilieninvestor. Rund um Bad Wiessee gehören ihm seit Jahrzehnten Wald und Wiesnflächen. Um 2012 kauft er den Bauer in der Au. Anfang 2014 kauft er die Söllbachklause, Mitte desselben Jahres die Niederstubn.
Jüngst beantragte Haslberger den Bau einer Kirche beim Bauer in der Au. Denn der Bauer in der Au, ehemals eine beliebte Berggaststätte, die zuletzt von Bräustüberlwirt Peter Hubert betrieben wurde, ist seit drei Jahren eine private Eventgaststätte: Hier werden Hochzeiten und Firmenevents gefeiert.
Betrieben wird der Bauer in der Au vom Gastronomen Martin Frühauf — demselben, der bis November 2024 mit seiner Frau Tanja die Saurüsselalm führte.
Beim Bauer in der Au gilt Sperrstunde 2.30 Uhr (Quelle: Info-PDF Bauer in der Au). An der Saurüsselalm ist künftig um 19 Uhr Schluss.
Hartnäckige Kritik
Die Naturschutzverbände, allen voran die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal (SGT) und der Verein zum Schutz der Bergwelt (VzSB) haben über mehrere Jahre hinweg juristisch, politisch und medial gegen die Umnutzung der Söllbachaualm zur Saurüsselalm interveniert.
Denn die Söllbachaualm war eine einfache Almhütte, um die herum das Vieh graste – keine Almwirtschaft, kein Ausflugsziel.
Und sie liegt auch nicht auf einem offiziellen Wanderweg. Zum Fockenstein führt der Weg über die Aueralm – oberhalb von der Saurüsselalm. Der Weg zur Saurüsselalm endet kurz dahinter. Es ist eine Sackgasse.
Erst die Umwandlung zu einer Almwirtschaft machte sie zu einem eigenständigen Ziel.
Und das zu einem sehr erfolgreichen. Bis zu 90.000 Besucher habe sie im Jahr angezogen, schrieb ein Sprecher des Bauherrns im September 2024. Damit zähle sie zu den „erfolgreichsten Hütten der Region“, betont aber zugleich, dass sie auch zu den „am stärksten reglementierten“ gehören würde.
Die Verbände argumentierten, die Alm liegt im Außenbereich und zudem im Landschaftsschutzgebiet. Beides hat Gewicht. Im Außenbereich — auf freier Flur, im Wald, fernab geschlossener Ortschaften — darf grundsätzlich nicht gebaut werden. Zulässig sind nur „privilegierte“ Vorhaben: etwa land- oder forstwirtschaftliche Bauten. Eine Almhütte für die Viehwirtschaft fällt darunter. Eine Gaststätte für den Tourismus nicht.
Genau das stellte später auch das Verwaltungsgericht München fest: Die Saurüssealm ist im Außenbereich „kein privilegiertes Vorhaben“. „Der Landkreis lebt vom Tourismus und dieser von einer intakten Landschaft. Diese dürfen wir nicht einer verantwortungslosen Geschäftemacherei überlassen“, so Lorenz Sanktjohanser, zweiter Vorsitzender des VzSB. Zum Verfahren sagt er: „Wir haben das Vorhaben sehr bewusst ausgewählt, weil es aus unserer Sicht für eine extrem negative Entwicklung symptomatisch ist, nämlich entlegene und landschaftlich reizvolle Bereiche kommerziell für Events zu nutzen.“
Die Bauherrenseite sieht sich selbst als kooperativ. Eine Woche vor der Einigung, auf die Frage nach dem Stand, erklärte ein Sprecher von Haslberger, man habe „bereits vor einem Jahr die vom Landrat vorgegebene Betriebsbeschreibung akzeptiert“.
Der Betrieb der Saurüsselalm wäre damit „im Unterschied zu den diversen Alpenvereinshütten klaren Beschränkungen unterworfen“.
Alpenvereinshütten wie die Tegernseer Hütte werden allerdings von Sektionen des Deutschen Alpenvereins betrieben. Sie sind dem Bergsport gewidmet und haben Schutzhütten- und Einkehrcharakter. Einen Kleinbus-Shuttle für geschlossene Gesellschaften oder fünfzehn kommerzielle Sonderveranstaltungen im Jahr betreiben sie nicht.
Das hohe Lied des Tourismus
Der Bad Wiesseer Gemeinderat hatte bis auf einige Gegenstimmen immer klar für den Betrieb der Saurüsselalm votiert.
Eine bewirtschaftete Alm im Söllbachtal, so die Argumentationslinie der Befürworter, schaffe Versorgung für Wanderer, sichere Arbeitsplätze, stärke das touristische Profil der Region.
Mit Auflagen — begrenzten Öffnungszeiten, Shuttle-Pflicht, einer Höchstzahl an „Hüttenabenden“ pro Jahr — lasse sich der Spagat zwischen Tourismus und Naturschutz organisieren.
Dahinter steht eine Prämisse, die im Tegernseer Tal selten ausgesprochen, aber fast überall geteilt wird: Der Tourismus gehört zum Tal. Er ist kein „ob“, sondern nur ein „wie“.
Seit dem 19. Jahrhundert lebt das Tal vom Reisen.Wer in einem Gemeinderat sitzt, argumentiert selten gegen den Tourismus — der Gemeinderat in Bad Wiessee ist keine Ausnahme.
Rathauschef Robert Kühn (SPD) thematisiert wieder verstärkt die Saurüsselalm auf Instagram und wie sehr sie den Menschen fehlen würde. Auf die Häufung der Gaststätten im Haslberger-Besitz angesprochen, verweist er auf andere Stellen: auf das Landratsamt oder den Bauausschuss. Mit Franz Josef Haslberger persönlich stehe man im „regelmäßigen Kontakt“, das Verhältnis mit dem Bauherrn sei „immer in Ordnung“.
Nicht nur eine Alm
Die Saurüsselalm ist kein Einzelfall. Sie ist ein Beispiel. Wer das Tegernseer Tal über die letzten Jahre beobachtet, sieht einen Bauboom, wie es ihn lange nicht gab.
In Bad Wiessee wird aus dem Strüngmann-Seegut ein Luxusresort— künftig betrieben von der Marke Marriott / Luxury Collection. Auch Caro & Selig in Tegernsee ist ein 4-Sterne-Boutique-Hotel und Teil der Marriott Autograph Collection.
In Rottach-Egern ist die Severin’s-Gruppe in guter Hoffnung ihr 5-Sterne-Luxus-Wellnesshotel hochzuziehen. Die Eröffnung ist für den Spätsommer 2027 geplant.
Jedes dieser Projekte hat seine eigene Geschichte. Gemeinsam erzählen sie eine größere: Tourismus im Tegernseer Tal ist nicht mehr nur Lebensader. Er ist Investitionsmodell.
Die Argumente dafür sind bekannt — und nicht falsch: Arbeitsplätze, Wertschöpfung, ein Profil als Premium-Destination, ein Tourismus, der sich über das ganze Jahr streckt.
Aber jedes Projekt verbraucht etwas von dem, wofür die Gäste überhaupt kommen. Almen werden zu Eventgastronomien, Bauernhöfe zu Hideaways, Seegrundstücke zu Resorts.
Die Landschaft, die das Versprechen des Tals ist, wird selbst zum Bauplatz. Und je mehr gebaut wird, desto teurer wird der Grund — bis Bauland für die, die hier leben und arbeiten, kaum mehr finanzierbar ist.
Ende gut, alles gut?
Und doch beantwortet sich die Frage „Wem gehört das Tal?“ nicht in der Sprache der Investoren allein. Im Söllbachtal liegt jetzt eine Alm, die künftig nur bis 19 Uhr geöffnet sein wird, ohne Wegbeleuchtung, ohne Musik nach Sonnenuntergang. Eine Berggaststätte ja — eine Partysause mit Schampus nein.
Das ist nicht die Antwort, die manche im Tal sich gewünscht hätten. Es ist aber eine Wegmarke.
Und sie wurde nicht von der Lokalpolitik gesetzt, sondern von denen, die jahrelang nicht lockerließen: der SGT, dem Verein zum Schutz der Bergwelt und ein paar entschlossenen Bürgerinnen und Bürgern. Sie haben gezeigt, dass die Frage „Wem gehört das Tal?“ nicht zwingend von denen beantwortet werden muss, die viel Geld haben — sondern von denen, die die Zeit, die Geduld und den Atem haben, sich durch ein Verfahren zu kämpfen.