Zwölf Fahrten ergeben am Ende eine einzige Zahl. Ein Vormittag auf dem Messboot des Wasserwirtschaftsamts Rosenheim — über zwei Seen in einem, einen Strohhut auf dem Grund und die Frage, wonach an diesem Tag niemand sucht.

Julia Jäckel | Veröffentlicht am 14.08.2026

An diesem sonnigen, windigen Montagmorgen ist ein Ausflugsboot der Tegernseer Schifffahrt für ein paar Stunden ein Forschungsschiff. Es liegt in der „Grünen Garage“ an der Werft, beladen mit Kisten, Technik und einer Box voller unterschiedlich großer Plastikbehälter. Wer an Bord will, balanciert über schmale Holzstege. Alle ziehen brav ihre Schwimmweste an; Dr. Hadumar Roch, beim Wasserwirtschaftsamt Rosenheim zuständig für den Fachbereich Monitoring, kämpft kurz mit dem Verschluss. Dann tuckert das Boot hinaus — Ziel ist die tiefste Stelle des Sees, 73 Meter.

Vier Leute sind es. Christian Wagner, Chemielaborant, bedient die Seilwinde. Tobias Schmotz und Anja Bielenberg, ebenfalls Chemielaboranten, stehen am Vor-Ort-Messgerät: Einer bedient es und ruft die Werte durch, die andere notiert.

Beim ersten Halt segelt der Strohhut der Reporterin über die Reling. Trotz schneller Wende sinkt er langsam weg, ein heller Fleck, der kleiner wird. „Ob das jetzt die Werte verfälscht?“

Dann beginnt die Arbeit. Alle zehn Meter lässt Wagner seinen Schöpfer in die Tiefe und füllt Wasser ab, bis er bei 73 Metern angekommen ist. Auf den letzten Metern wird das Hochziehen zur Plackerei. „Das ist nicht ganz einfach“, sagt Wagner: Man müsse aufpassen, dass das Probenahmegefäß dicht schließt und die Konstruktion unter dem Druck nicht leckt — sonst gibt sie das mühsam geholte Tiefenwasser wieder an den See zurück. Das Sofort-Messgerät liefert derweil die Werte, die sich an Bord bestimmen lassen: pH, Leitfähigkeit, Sauerstoff. Alles andere wandert in vorbeschriftete Flaschen.

Im Sommer sind es zwei Seen

Warum ausgerechnet die tiefste Stelle, warum alle zehn Meter? Weil sich ein See im Sommer in zwei Körper teilt. Oben warmes, sauerstoffreiches Wasser, unten kaltes — dazwischen eine Sprungschicht, an der der Austausch fast stoppt.

In 30 Metern werde deshalb kaum noch Sauerstoff nachgeliefert, erklärt Roch. In nährstoffreichen Seen kann der Wert unten auf null fallen: „Null, zwei, drei, vier Milligramm pro Liter — das verträgt keine Renke.“ Der Fisch werde ins warme Oberwasser gedrängt, wo er eigentlich nicht hinwill. Der Tegernsee habe dieses Problem nicht — aber nur, wer über die ganze Wassersäule misst, sieht das. „Sonst haben wir oben klares Wasser und sagen: super See. Und in zehn Metern liegt auf einmal eine Riesenmenge Biomasse.“

Dass ein See in festen Tiefenstufen beprobt wird, ist laut Roch bundesweit keine Selbstverständlichkeit: In vielen anderen Bundesländern werde nicht in diesen unterschiedlichen Tiefen gemessen, Bayern gehe hier deutlich gründlicher vor.

„Mein Auto ist fünf Kilometer lang“

„Die Leute lesen dann immer bloß: fünf Mikrogramm“, sagt Roch, „und sagen: viel oder wenig. Aber welcher Aufwand dahintersteckt, kann kaum einer einschätzen.“ Wie schwer solche Zahlen einzuordnen sind, bringt er auf ein Bild: „Wenn ich sage, mein Auto ist fünf Kilometer lang, weiß jeder sofort: Das stimmt nicht. Wenn ich sage, da sind 50 Milligramm Nitrat drin, weiß keiner, ob das stimmt.“

Ein Maßstab fehlt — und die Ansprüche sind gewachsen: „Früher waren wir im Milligramm-Bereich. Als ich vor 30 Jahren anfing, im Mikrogramm-, inzwischen im Nanogramm- und Komma-Nanogramm-Bereich.“

Das hat die Arbeit verändert. Jedes Wasserwirtschaftsamt hat ein kleines Labor, aber für solche Nachweisgrenzen reicht das längst nicht mehr. Neben dem Zentrallabor des Landesamts für Umwelt in Augsburg gibt es inzwischen ein zentrales Wasserwirtschaftsamt, an das die anderen Ämter ihre Proben schicken. Was den Leuten an Bord bleibt, ist die Probenahme — und die ist heikel genug. Einmal in die offene Flasche gehustet, sagt Roch, und man könne sie wegwerfen: „Sie finden alles Mögliche.“

Nicht alles an Bord ist so empfindlich. Später am Vormittag lässt Anja Bielenberg eine weiße Scheibe an einer Leine ins Wasser sinken und schaut ihr nach, bis der See sie schluckt. Die Tiefe, in der die Secchi-Scheibe verschwindet, schreibt sie auf — ein Maß dafür, wie klar das Wasser ist, seit anderthalb Jahrhunderten unverändert. Zwischendurch muss das Boot immer wieder gegen den Wind auf den Punkt zurückgeholt werden, gut abzulesen an den Seegut-Kränen gegenüber in Bad Wiessee.

Der Fahrplan steht auf zehn Jahre

Was gemessen wird, entscheidet ohnehin nicht das Boot. „Es steht im Großen und Ganzen fest, weil die Wasserrahmenrichtlinie einen dreijährlichen Rhythmus vorgibt“, erklärt Roch. „Wir wissen über die nächsten fünf, zehn Jahre zu 95 Prozent, wann wir wohin fahren.“

Anders ginge es kaum: Das Amt betreut die Landkreise Rosenheim, Miesbach, Ebersberg und Mühldorf, und neben Grundwasser und Fließgewässern sind drei, höchstens vier Seen im Jahr zu schaffen. Der Königssee, der nicht dazugehört, müsste theoretisch nur alle zwölf Jahre untersucht werden — sein Zustand ist so gut, dass kein Trend zur Verschlechterung erkennbar ist. Um eine dichtere Datenreihe zu erhalten, bemühen sich die Kollegen aber um eine häufigere Beprobung.

Der Tegernsee ist alle drei Jahre an der Reihe, dann aber gründlich: zwölf Fahrten in diesem einen Jahr, möglichst über die Monate verteilt. Ganz gleichmäßig geht das nicht. Früher sei man im Winter aufs Eis gegangen, habe in der Seemitte ein Loch gebohrt und dort geschöpft; aus Arbeitsschutzgründen lässt man das inzwischen bleiben. Dafür wird im Sommer häufiger gefahren, teils alle drei Wochen.

Wonach an diesem Tag niemand sucht

Dieselbe Vorgabe bestimmt auch, was in den Flaschen gesucht wird. Auf PFAS wird der Tegernsee nicht untersucht, weil es nicht verlangt ist. Für die per- und polyfluorierten Chemikalien — jene Stoffe, die Pfannen antihaftend machen, Papierbecher fettdicht und Textilien wasserabweisend — gibt es in Oberflächengewässern bislang nur für einen einzigen Vertreter eine Umweltqualitätsnorm. Und deren Einhaltung wird in der Regel nicht im Wasser nachgewiesen, sondern in Fischen. Der zugehörige Wert für die Wasserphase liegt bei 0,65 Nanogramm je Liter im Jahresmittel: genau in jenem Komma-Nanogramm-Bereich, den Roch als Grenze der eigenen Möglichkeiten beschrieben hat.

Womit der Strohhut wieder ins Spiel kommt, der seit dem Vormittag irgendwo auf 73 Metern liegt. Ob in seiner Imprägnierung PFAS steckt, weiß niemand. Aber niemand wird es erfahren. Nicht, weil der Hut harmlos wäre, sondern weil an diesem Tag keine Flasche an Bord ist, in der man danach suchen würde.

Die Frage war als Scherz gemeint, und die Antwort ist trotzdem interessanter als der Scherz: Nein, er verfälscht die Werte nicht. Was nicht gemessen wird, kann auch nichts verfälschen.

Ein Teil der Proben wird eingefroren und aufgehoben. Rückstellproben sind die Versicherung gegen das, wonach heute noch keiner sucht.

Verschwindend wenig — und das ist gut

Neben der Chemie zieht Wagner ein feines, fischnetzartiges Gerät durchs Wasser, an dessen Ende ein roter Behälter sitzt: der Planktonzug. Was darin hängen bleibt — lebende Mikroorganismen — verrät, wie es dem See geht. Beim Tegernsee, sagt Wagner, sei das „verschwindend wenig“.

Besonders die Kieselalgen sind gute Zeugen: Ihr Kieselgerüst überdauert und lässt sich noch Jahrzehnte später im Sediment ablesen. Was dort steht, spricht für den See. Schlecht sei es hier nie gewesen, heißt es von Roch, eher deutlich besser geworden — dank der Ringkanalisation, seit der kaum noch Abwasser in den See gelangt.

Was der Planktonzug heraufholt, klärt sich erst später unter dem Mikroskop: ein paar Algen, Kleinsttiere, Zuckmückenlarven. „Am Bach wäre es einfacher“, sagt die Crew: Steinfliegen- und Köcherfliegenlarven, Bachflohkrebs. Hier draußen, in der Seemitte, ist es vor allem erstaunlich wenig — kein schlechtes Zeugnis für den Tegernsee.

Dann dreht das Boot ab und fährt zurück zur Werft. Zwölf solcher Fahrten ergeben am Ende eine einzige Zahl. Der Hut taucht in keiner Spalte auf.

Häufige Fragen zum Tegernsee

Wie tief ist der Tegernsee?

Die tiefste Stelle liegt bei 73 Metern. Genau dorthin fährt das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim zur Probenahme und schöpft alle zehn Meter Wasser ab — von der Oberfläche bis zum Grund.

Wie oft wird die Wasserqualität des Tegernsees gemessen?

Alle drei Jahre ist der See an der Reihe. In diesem Jahr finden dann zwölf Messfahrten statt, möglichst über die Monate verteilt. Den Rhythmus gibt die europäische Wasserrahmenrichtlinie vor.

Wird der Tegernsee auf PFAS untersucht?

Nein. Auf PFAS wird nicht untersucht, weil es nicht verlangt ist. Für die per- und polyfluorierten Chemikalien gibt es in Oberflächengewässern bislang nur für einen einzigen Vertreter eine Umweltqualitätsnorm — und deren Einhaltung wird meist nicht im Wasser nachgewiesen, sondern in Fischen.

Wie gut ist die Wasserqualität im Tegernsee?

Schlecht sei es hier nie gewesen, sagt das Wasserwirtschaftsamt, eher deutlich besser geworden — dank der Ringkanalisation, seit der kaum noch Abwasser in den See gelangt.